Kiel spielt sich im derby gegen flensburg ins cl-hintertürchen
Am Samstagabend in der Kieler Ostseehalle dampft die Nordseeluft. 10.000 Kehlen gellen, wenn THW Kiel und SG Flensburg-Handewitt aufeinanderprallen – und für die „Zebras“ ist das 116. Schleswig-Holstein-Derby längst zur letzten Rettungsboje mutiert.
Der pokal ist weg, die meisterschaft abgehakt
49 Titel unter Hallendach, 23 deutsche Meisterschaften, 13 Pokale, 13 Supercups – Statistiker nennen das Dynastie. Doch die laufende Spielzeit spuckt andere Zahlen aus: Pokal-Aus im Viertelfinale, 10 Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Magdeburg, nur noch vier Spieltage nach dem Derby. Für Rekordmeister Kiel bleibt ein einziger Hebel: die Champions-League-Qualifikation. Geschäftsführer Viktor Szilagyi spricht es offen aus: „Unser Ziel ist klar – wir wollen nächstes Jahr in der Königsklasse stehen.“
Die Rechnung ist simple: Wer gegen Flensburg verliert, kann die Tasche mit Europa bereits zumachen. Gewinnt der THW, schrumpft der Rückstand auf die internationalen Plätze auf drei Zähler, bei zwei Nachholspielen im Rücken. Die SG wiederum will Revanche für die beiden European-League-Niederlagen und könnte den Rivalen mit einem Auswärtssieg endgültig in den Schatten der Tabellenmitte drücken.

Die große unbekannte heißt ellefsen
Was in den vergangenen Wochen auffiel: Ohne Elias Ellefsen á Skipagötu verliert Kiel den Rhythmus. Im Drei-Spiel-Schnitt gegen Göppingen, Gummersbach und Stuttgart fehlte der isländische Spielmacher – drei Auftritte, drei Enttäuschungen. Trainer Filip Jicha schiebt die Gründe nicht allein auf die Ausfallliste, doch Szilagyi räumt ein: „Mit seiner individuellen Qualität hat er uns gefehlt.“ Ob der 23-Jährige am Samstag durchstartet, entscheidet sich kurzfristig. Seine Gegenwart wäre mehr als ein Puzzlestück – sie wäre das emotionale Zündmoment.
Die Personalie zieht Kreise. Denn Julian Köster und Domen Makuc stehen bereits in den Startlöchern, um im Sommer den Staffelstab zu übernehmen. Makuc kommt vom Rekordchampion Barcelona, Köster vom Aufwärtstrend Gummersbach – ein Indiz dafür, dass der THW sich neu erfinden will. Stilfrage: mehr Tempo, mehr Variabilität, weniger Abhängigkeit von Einzelkönnern.

Kretzschmar sieht ein highlight-team ohne serienkillerinstinkt
Sky-Experte Stefan Kretzschmar nagt an der Konstanz der Zebras. „Sie können ein Final Four gewinnen, aber sie müssen es jede Woche abliefern – und genau das gelingt nicht.“ Die Statistik bestätigt ihn: Seit dem 31:29 gegen Magdeburg Mitte Februar folgten drei Ligaauftritte, drei Mal unter 30 Tore, nur einmal zwei Punkte. Die SG um Kapitän Johannes Golla will diesen Schwung nutzen: „Wir haben noch mehr zu bieten.“ Der Nationalspieler verspricht „einen heißen Tanz“, und die Bilanz spricht für sich: 67 Siege für Kiel, 43 für Flensburg, fünf Remis. Doch der letzte Vergleich liegt gerade mal 72 Stunden zurück – 29:36 in der Europa League. Die Wunden sind frisch.
14. März, 20 Uhr, Dyn live. Ein Sieg würde Kiel nicht nur die CL-Tür aufstoßen, sondern auch die eigene Seele pflegen. Die Karten sind weg, die Arena wird kochen. Wer in der Norddeutschen Handballhauptstadt jetzt die Machtfrage stellt, erhält eine Antwort, die über die aktuelle Saison hinausreicht. Die Zebras haben noch eine Chance – aber nur eine.
