Kibiwott fliegt durch mailand: 2:06,36 und ein neues kursrekord-debakel
15.000 Läufer, eine umgebaute Strecke, 12 Grad und ein Kenianer, der nach Kilometer 32 einfach abdreht: Vitalis Kibiwott lief am Sonntag die 24. Mailänder Marathon in 2:06,36 – 38 Sekunden schneller als je zuvor in seinem Leben.
Der neue kurs war schneller, das feld war größer, die show gehörte ganz ihm
Um 8:15 Uhr ging’s auf dem Corso Sempione los, 13 veränderte Kilometer durch das Zentrum, Asphalt glatt wie ein Billardtuch. Die Halbmarathonmarke passierte die Spitzengruppe in 1:02,57 – vier Kenianer, ein Äthiopier und eine Hasenfrau, die sich nach 25 km verabschiedete. Dann kam der 32. Kilometer. Kibiwott drückte kurz auf die Tube, guckte sich nicht um und baute in zehn Kilometern einen Vorsprung von fast zwei Minuten heraus.
Hinter ihm krachte es: Amos Kipkagat wurde noch Zweiter in 2:08,16, Laban Kiplimo Dritter in 2:08,24. Die Uhr war gnädig, das Feld war zerissen. „Ich wollte nur meine Bestzeit, der Rest war Nebensache“, sagte Kibiwott, nachdem er die letzten 400 Meter auf der Piazza Duomo im Sololauf absolvierte – Hände hoch, Zuschauer tobten, Wizz-Air-Helikopter kreiste über der Scala.

Italiens hoffnung hieß chevrier – und kam aus dem aostatal
Der 33-jährige Berglauf-Europameister Xavier Chevrier lief als bester Italien Neunte in 2:11,65. Keine Medaille, aber ein familiärer Trost: Sein Cousin Chicco Pellegrino feuerte ihn an, der Langläufer winkte zwei Kilometer vor dem Ziel am Castello Sforzesco. „Ich wollte unter 2:12, das hab ich gerissen – mehr war heute nicht drin“, sagte Chevrier und schob sich zwei Trauben in den Mund. Die italienische Flagge trug er wie ein Cape, das Publikum schrie „Forza Xavi“.
Insgesamt 41.000 Menschen bewegten sich am Wochenende durch Mailand: 15.000 Marathonis, 16.000 Staffelläufer in 4.000 Teams, 10.000 Hobby-Jogger bei der Family Run am Samstag. Die Stadt sperrte 42 Kreuzungen, 1.200 Helfer verteilten 85.000 Wasserbecher, die U-Bahn fuhr extra alle fünf Minuten.

Äthiopiens chekole dominiert das frauenrennen – und bleibt ganz allein
Bei den Frauen gab es kein Rennen, sondern eine Solovorstellung. Yeshi Kalayu Chekole startete in 3:15 pro Kilometer und ließ die Konkurrenz schon nach dem fünften Kilometer hinter sich. 1:09,35 zur Halbzeit, 2:20,15 im Ziel – kein Weltrekord, aber der zweitschnellste Sieg in der Geschichte von Mailand. Hinter ihr lagen Eebbissee Eddeessaa (2:21,13) und Sinta Getahun (2:25,29) mehr als eine Minute zurück. „Ich habe nur meinen Rhythmus gehört, keine Schritte“, sagte Chekole, während sie eine rote Rose vom Bürgermeister entgegennahm.
Die Temperatur stieg bis zum Ziel kaum über 15 Grad, ideales Laufwetter für April. Der neue Kurs spart 35 Höhenmeter, dafür gibt es zwei flache Schleifen durch das Navigli-Viertel – perfekt für Negative Splits. Die Veranstalter sprechen schon von „europaweit schnellstem Stadtkurs“, die IAAF wird nächste Woche die Label-Prüfung vornehmen.
Die Bilanz: ein Stadtrekord bei den Anmeldungen, ein Kenianer mit neuer Bestzeit, ein Aostaner als italienischer Hoffnungsträger – und ein Mailand, das am Sonntagmorgen nicht mit Espresso, sondern mit dem Klopfen von 80.000 Laufschuhen aufwachte. Nächstes Jahr ist Jubiläum, Nummer 25. Die Organisatoren wollen 20.000 Starplätze – und sie werden weg sein, bevor das Startfenster schließt.
