Ki im radsport: so analysieren profis ihre daten jetzt

Die Tour de France steht vor der Tür, und hinter den Kulissen bahnt sich eine Revolution an. Es geht nicht mehr nur um Muskelkraft und Ausdauer, sondern um Daten – und die Auswertung dieser Daten durch Künstliche Intelligenz. Was einst Science-Fiction war, ist heute Realität im Profi-Radsport.

Die datenflut erfordert neue werkzeuge

Die Sensoren an den Fahrern liefern eine schier unendliche Menge an Informationen: Herzfrequenz, Trittfrequenz, Schweißproduktion, Körperkerntemperatur, Sauerstoffaufnahme – und das alles in Echtzeit. Während die Fahrer selbst sich auf das Rennen konzentrieren, arbeiten im Hintergrund Teams von KI-Spezialisten, um das Chaos zu ordnen und daraus wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen. Einige Top-Teams beschäftigen bereits bis zu drei Spezialisten, unterstützt durch weitere Programmierer über Sponsoren und Teameigner.

John Wakefield, Head Coach bei Red Bull – Bora – hansgrohe, erklärt: „Wir erhalten unaufhörlich physiologische Daten. Damit kann man eine Art von Echtzeitfeedback geben zur Überwachung von Ermüdung, Energiezufuhr und Pacing-Strategien. Künstliche Intelligenz kann helfen, das an einen Ort für die Interpretation zu bringen.“ Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Während des Rennens dürfen die Fahrer nur ihre Wattwerte an das Team funken. Die anderen Daten werden primär im Training analysiert.

Ein entscheidender Vorteil liegt im Vermeiden von Übertraining. Mathieu Heijboer, Head Coach bei Team Visma – Lease a Bike, setzt auf Atemvolumensensoren: „Mit der Messung des Atemverhaltens bekommen wir einen besseren Einblick über die richtigen Trainingszonen. Wir haben da eine Menge gelernt, und ich denke, wir trainieren jetzt effektiver.“ Diese Sensoren helfen dabei, die Trainingsintensität optimal anzupassen und Verletzungen vorzubeugen.

Vom muster erkennen zum digitalen zwilling

Vom muster erkennen zum digitalen zwilling

Doch die KI geht weit über die reine Datenanalyse hinaus. Sie lernt Muster zu erkennen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Dan Lorang, ehemaliger Head Coach bei Red Bull – Bora – hansgrohe, beschreibt die Vision: „Als Trainer hast du ja mehrere Fahrer und es passiert jeden Tag irgendwas. Dann machen wir noch Hitze- und Höhentraining, die Bedingungen ändern sich. Um da einen besseren Überblick zu bekommen und um Muster zu erkennen, wird mehr und mehr auf KI gesetzt.“

Das ultimative Ziel ist der „digitale Zwilling“ des Athleten – eine Simulation seiner Physiologie, die es ermöglicht, Rennstrategien im Vorfeld zu testen und potenzielle Probleme zu erkennen. „Vielleicht geht dann irgendwo ein Lämpchen an und sagt: Oh, der und der Parameter hat sich jetzt schon seit drei Tagen nicht mehr richtig erholt. Vielleicht solltest du da mal hinschauen“, so Lorang.

Die KI hat bereits jetzt einen spürbaren Einfluss auf die Leistung der Fahrer. Beim letzten Giro d'Italia gelang es Luke Tuckwell, dank datenbasierter Strategien, einen überraschenden zweiten Platz zu belegen, trotz der Dominanz von Isaac Del Toro. Die Analyse der Streckenprofile und physiologischen Daten ermöglichte es, die Kräfteverhältnisse präzise einzuschätzen und das Rennen optimal zu planen.

Und auch im Bereich der Ernährung spielt die KI eine immer größere Rolle. Teams wie Visma – Lease a Bike nutzen KI, um individuelle Ernährungspläne zu erstellen, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Fahrer abgestimmt sind.

Die Trainer selbst sehen in der KI keine Bedrohung, sondern eine wertvolle Unterstützung. „Training bedeutet am Ende Beziehung zwischen Menschen, Kommunikation von Menschen untereinander. KI kann helfen, physiologische Anpassungen zu optimieren. Aber Training ist immer noch mehr als nur physiologische Anpassung“, betont Heijboer. Die Zukunft des Radsports ist also eine Symbiose aus menschlicher Expertise und künstlicher Intelligenz – eine Entwicklung, die das Sportgeschäft grundlegend verändern wird.