Kein sinner? drei musketiere retten italiens traum in paris

Flavio Cobolli, Matteo Berrettini und Matteo Arnaldi schmettern die Sinner-Trauer mit lautem «Tutti per uno, uno per tutti!» aus dem Stadion. Der Superstar fehlt – und ausgerechnet jetzt ragen drei Italiener ins Viertelfinale von Roland Garros, als hätten sie Dumas' Pariser Roman lebendig gemacht.

Der schrei hinter dem karmeliterkloster

Court Simonne-Mathieu liegt hinter dem stillen Gärtchen der Karmeliter. Dort trainierte Cobolli noch vor Tagen mit Sinner, stöhnte nach zehn Minuten: «Ich würde sterben.» Er starb nicht. Er lernte. Und heute lebt er, weil er Sinner-Disziplin in die Beine gepumpt hat. Berrettini hingegen schaltete den Sinner-Bezwinger Cerúndolo aus – ein Porthos-Moment, kraftvoll, rachedurstig. Matchball Nummer drei war ein Keulenschlag, die Argentinier-Traumtänzer krochen in den roten Staub.

Arnaldi? Fünfeinhalb Stunden gegen Monfils, drei Matchbälle weggewischt, zwei Beinmuskelkrämpfe, einmal fast ohnmächtig – und doch lachte er am Ende wie ein Kind, das gerade festgestellt hat, dass Superhelden real sind. Sinner war nicht da, aber seine Selbstvertrauens-Formel funktionierte: Du bist nie allein, wenn das Team größer wird als das Genie.

Programm statt einzelwunder

Programm statt einzelwunder

Italien hat in Paris keine Ikone, es hat einen Werkzeugkasten. Jeder weiß, wo der Hammer liegt, jeder trägt den Nagel. Auch ohne den amtierenden Australian-Open-Sieger rollt der Vorwärts-Teppich. Berrettini schreibt wieder Kapitel, Cobolli schlägt aus dem Stand Turnierrekorde, Arnaldi füllt akribisch die Lücken, die früher das italienische Tennis weinte.

Die Franzosen jubeln über Rune, die Spanier über Alcaraz, aber das lauteste Stakkato der letzten Tage kam aus der italischen Tribüne: «Jannik ist raus? Alle für einen – einer für alle!» Es klang nicht wie Trost, es klang wie Angriff.

Was heute passiert

Was heute passiert

Cobolli trifft auf Zverev, Berrettini auf Ruud, Arnaldi schon wieder auf ein Marathonspektakel. Mindestens ein Halbfinal-Platz ist garantiert, maximal drei. Die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende kein Italiener fehlt, liegt bei 100 % – weil Sinner auch abwesend präsent ist. Er hat nicht nur die Davis Cup fast im Alleingang geholt, er hat das Virus der Überzeugung verbreitet. Wer mit ihm trainiert, glaubt an Grenzen nur noch als Trainingsgerät.

Paris erwartet ein Phänomen – bekommt eine Mannschaft. Das ist die schönste Überraschung dieses Roland Garros: Die Truppe macht den Star verzichtbar. Und hinter dem Carmeliter-Kloster wird heute wieder gebrüllt.