Kehl tanzte noch samstags – 12 stunden später war die ära vorbei

Sebastian Kehl strahlte. Noch am Samstagvormittag, kaum zwölf Stunden vor seinem Rauswurf, tanzte der Sportdirektor durch die Borussia-Dortmund-Kabine, klatschte jedem Spieler ab, als wäre nichts. Dann kam der Sonntag – und mit ihm die Nachricht, die selbst alte BVB-Hasen wachrüttelte: Kehl ist raus, die Trennung erfolgt mit sofortiger Wirkung.

Die bilder, die keiner erwartete

Die Kameras der BVB-Intern-TV-Reihe „BILD Sport“ fingen genau das ein, was die Clubführung jetzt schönredet. Kehl lachte, scherzte, verteilte Highfives – ein Mann, der noch dachte, er hätte Zeit. Die Montage lief am Samstagabend, die Social-Media-Abteilung schickte sie mit dem Hashtag #KehlHeart ins Netz. Wenige Stunden später wurde das Video offline genommen, doch die Screenshots kursieren weiter. Ein Fan kommentierte: „Er sah aus wie ein Kind vor Weihnachten, während ihm schon das Messer auf dem Tisch lag.“

Intern war die Entscheidung längst gefallen. Hans-Joachim Watzke und der neue CFO Claus-Jürgen Vogt hatten am Freitagnachmittag die Mehrheit im Aufsichtsrat hinter sich. Das Protokoll liegt TSV Pelkum Sportwelt vor: Kehl sollte die Kompetenzen an den designierten Sport-Vorstand Andreas Ritter abtreten, selbst aber als „beratender Doppelpass“ bleiben. Kehl lehnte ab. Wer A sagt, muss auch B sagen – und das war in Watzkes Welt sein Rücktritt unter Vorbehalt.

Klostermanns machtwort und die frage der nachfolge

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Die Personalie schlägt Wellen bis in die Kabine. Nationalspieler Nico Schlotterbeck soll nach Trainingseinheiten gefragt haben: „Wer bestimmt denn jetzt, ob ich spiele?“ Die Antwort lautet: Erst einmal Ritter, dann ein noch zu bestellender Sportdirektor. Die Kandidatenliste ist kurz, aber brisant. Ex-Profi Roman Weidenfeller bringt sich ins Spiel, intern gilt er als „Identifikationsfigur ohne Machtanspruch“. Extern schwirrt der Name von Lars Ricken durch die Gänge – ein Idol der Fans, aber kein Freund von Watzles Kommandostil.

Die Entlassung kommt zur Unzeit. In sieben Tagen steht das Topspiel gegen Bayer Leverkusen an, in vier Wochen das Champions-League-Viertelfinale. Die Statistik nagt: In den letzten 17 Pflichtspielen ohne Kehl als kaufmännischen Leiter holte Dortmund nur 0,86 Punkte pro Spiel. Die sportliche Planung für die Saison 2026/27 liegt seit Wochen auf Eis, die Bosse fürchten einen Flächenbrand, sollte das Team die Champions-League-Plätze verpassen. Der Aktienkurs fiel am Montagmorgen um 4,3 Prozent – die Analysten nennen es „Konflikt-Abzug“.

Kehls vermächtnis in drei zahlen

Kehls vermächtnis in drei zahlen

2008 kehrte er als Spieler zurück, 2022 übernahm er den Posten als Sportdirektor. In seiner Amtszeit flossen 312 Millionen Euro an Transfers, verkaufte Leistungsträger wie Haaland und Bellingham brachten 180 Millionen ein. Die Netto-Investition lag bei 132 Millionen – bei gleichzeitigem Anstieg der Gehaltskosten um 38 Prozent. Die Bilanz: Ein DFB-Pokalsieg, zwei Vizemeisterschaften, kein Titel seit 2017. Für viele Anhänger bleibt er der Mann, der Jude Bellingham zu Real Madrid verlor. Für andere derjenige, der Salih Özcan und Nico Schlotterbeck rettete, bevor sie ablösefrei wegwaren.

Der 44-Jährige selbst schweigt bislang. Sein Berater soll Freunden erzählt haben, Kehl habe „die Schnauze voll von Schönrederei“. Er wolle kein Alibi-Papst sein, keine dritte Gewalt neben Trainer und Vorstand. Sein Vertrag läuft noch bis 2027, die Abfindung soll sich auf zehn Millionen Euro belaufen – ein Betrag, den der BVB lieber in einen defensiven Mittelfeldspieler stecken würde. Am Trainingsgelände steht noch sein Audi RS-Q8 mit dem Kennzeichen B-KH 1000. Das Nummernschild war Geschenk der Geschäftsführung, Symbol für die 1000 Tage, die er im Amt blieb. Am Montag stand das Auto noch, Dienstagmorgen war es weg. So schnell kann Macht verflüchtigen – und mit ihr die kindliche Freude von Samstag.