Karsten günther bricht das schweigen: leipzig steckt tiefer, als viele ahnen
Die letzte Nacht war wohl die längste Karsten Günthers seit seinem Amtsantritt. Der Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig ließ Dyn-Microfon laufen, und was da herauskam, klingt wie ein Selbst-Indictment: Wir haben Fehler gemacht, eine ganze Kette, und jetzt tragen wir den Rucksack bis zum Abstieg. Die Zahlen sind gnadenlos: 14 Niederlagen aus 20 Spielen, Tabellenplatz 18, drei Punkte Rückstand auf die Rettung. Die Zahlen lügen nie.
In Leipzig aber lügt schon länger die Rhetorik. „Wir wollten oben mitspielen“, sagt Günther, „haben aber die Konkurrenz besser gemacht.“ Das klingt nach Einsicht, ist aber nur halb wahr. Denn der Kollaps begann nicht erst mit dem ersten Kreislaufbruch im September. Er begann mit Transferentscheidungen, die intern schon damals Sturm warnten. Raul Alonso raus, Bastian Roschek raus. Ein Trainerwechsel Mitte Saison, ein sportlicher Leiter, der nicht mal ein halbes Jahr überlebte. Beide Personalien kollidierten mit der internen Philosophie: „Kontinuität um jeden Preis.“ Stattdessen wurde kurzfristig improvisiert, was langfristig bröckelt.

Verletzungspech trifft planlosigkeit
Natürlich folgte dem Chaos das Pech. Simon Ernst fällt aus, Matej Klima fällt aus, Andri Runarsson fliegt nach Island, ohne adäquaten Ersatz. Ein Loch auf der Rückraummitte, das erst spät gestopft wurde – mit Dean Bombac, 37 Jahre alt, Leader, aber kein Wunderheiler. Die Verletztenliste liest sich wie ein Kader: fünf Leistungsträger, 40 Prozent des Gehaltsvolumens auf der Reha-Bank. Die sportliche Planung wurde „ein Stück weit angepasst“, sagt Günther. Das Stück ist ein Brett vor dem Kopf der Fans.
Die wahre Bombe aber zündet im Nebensatz: „Wir haben strukturell mit einigen Dingen zu kämpfen, die uns wirtschaftlich nachsteuern ließen.“ Gemeint sind höhere Lizenzauflagen, steigende Stadionmieten, ein Sponsorenmarkt, der sich nach der Pandemie verengt. Leipzig musste sparen, wollte aber nicht kleiner reden. Also wurde das Budget nicht offen gekürzt, sondern stillschweigend verlängert – auf Risiko. Die Schulden wachsen im Verborgenen, während die Punkte öffentlich schrumpfen.
Gegen Stuttgart rettete ein Last-Second-Tor einen Zähler, das erste Lebenszeichen nach fünf Pleiten. Nun kommt der HC Eisenach, ein Nachbar, der auswärts kaum gewinnt. Ein Derby, das plötzlich Abstiegsendspiel ist. Die Fans haben die Rechnung bereits gemacht: bei zehn verbleibenden Spielen braucht Leipzig vier Siege, vielleicht schon fünf. Die Quote liegt bei 20 Prozent – das ist kein Mindset-Problem mehr, sondern reine Mathematik.
Karsten Günther spricht von „anderem Erwartungsmanagement“. Gemeint ist: Wir haben die Mannschaft überfordert, das Umfeld überhitzt, die eigenen Ansprüche überstrapaziert. Nun folgt der Preis. Die Leipzig-Saga endet nicht mit einem Knall, sondern mit einem Flüstern: Wir haben versagt, und das reicht, um abzusteigen. In zehn Wochen wissen wir, ob das Geständnis zu spät kam. Die Uhr tickt lauter als jede Analyse.
