Kahn fordert umbruch: us-sport als vorbild für den deutschen fußball

Oliver Kahn, die Fußballlegende und ehemalige Vorstandschef von Bayern München, hat im Interview mit Sports Illustrated Deutschland ein deutliches Signal an den deutschen Fußball gesendet: Es braucht einen radikalen Umdenkprozess, und die USA bieten hierfür ein überraschendes Vorbild.

Tradition und innovation: ein balanceakt

Tradition und innovation: ein balanceakt

Kahn plädiert für eine konsequente Verbindung von Tradition und Weiterentwicklung – ein Konzept, das in den USA, von den College-Teams bis zur NFL, bereits erfolgreich umgesetzt wird. „In Deutschland tun wir uns damit immer noch schwer“, so Kahn. „Hier herrscht oft noch die Überzeugung, dass allein der Sport für sich sprechen muss.“ Diese Denkweise, so der ehemalige Torwart, sei längst überholt.

Die einzigartige Fankultur und die emotionale Bindung, die der deutsche Fußball genießt, sind unbestritten. Doch Kahn sieht auch eine übermäßige Vorsicht bei der Weiterentwicklung. „Zu viel Angst vor Kritik, zu wenig Mut zur Inszenierung. Zu viel Verwaltung, zu wenig Vision.“ Es sei ein Fehler, das US-System blind zu kopieren, aber Tradition dürfe auch nicht als Schutzwall gegen notwendige Veränderungen dienen.

Die Entwicklung von Fußballern ist ein weiterer Bereich, in dem Kahn Verbesserungspotenzial sieht. In den USA werden Athleten frühzeitig als Persönlichkeiten aufgebaut, Selbstinszenierung ist ein integraler Bestandteil des Systems. „Sie sind nicht nur Leistungsträger, sondern auch Identifikationsfiguren. Daraus entstehen Geschichten – und aus Geschichten entsteht Bindung.“ Im deutschen Fußball hingegen stehe die Fehlervermeidung und Kontrolle im Vordergrund, was zu einer glatteren, aber auch berechenbareren Darstellung führe.

Die fehlenden „markanten Charaktere“ führen laut Kahn zu einem Mangel an Emotionen. „Spieler sind nun einmal Projektionsflächen. Und ohne diese verliert ein Sport an Strahlkraft – gerade in einem globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit.“ Die Zahl der Zuschauerzahlen in den USA, die regelmäßig neue Rekorde erzielt, spricht eine deutliche Sprache.

Kahn fordert daher einen mutigen Schritt: Den deutschen Fußball muss verstehen, warum der US-Sport weltweit so erfolgreich ist, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Es geht nicht um eine komplette Kopie, sondern um die Adaption von Prinzipien, die den Sport attraktiver und emotionaler machen. Die Zukunft des deutschen Fußballs hängt davon ab, ob er bereit ist, sich zu wandeln und neue Wege zu gehen.