Juventus women: braghin fordert mehr geld und eine eigene liga
- Profifußball ja – aber die finanzielle realität ist ernüchternd
- Wolfsburg war kein versagen – es war ein gewichtsklassenunterschied
- Was das land braucht: eine eigene liga und institutionelle rückendeckung
- Der markt-paradox: geld da, aber niemand will kommen
- Trinchieri, girelli und die philosophie des zusammenhalts
- Ein neues blatt – aber diesmal mit rahmen
Zehn Jahre ist es her, dass Stefano Braghin ein leeres Blatt Papier vor sich hatte und die erste Idealformation der Juventus Women skizzierte. Heute blickt er auf 6 Meistertitel, 4 Pokalsiege, 5 Supercupsiegezurück – und auf ein System, das er als klug konstruiertes Uhrwerk beschreibt, in dem jedes Zahnrad greifen muss. Was ihn trotzdem umtreibt: Der italienische Frauenfußball kämpft mit einem strukturellen Problem, das keine Trophäe lösen kann.
Profifußball ja – aber die finanzielle realität ist ernüchternd
Die Einführung des Profistatus war laut Braghin eine gesellschaftliche Errungenschaft. Keine Frage. Aber die Umsetzung kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Die Vereine standen noch unter dem wirtschaftlichen Druck der Pandemie, als die neuen Kosten bereits in den Büchern standen. Das Ergebnis ist ein Ungleichgewicht, das sich bis heute durch die gesamte Serie A Femminile zieht.
Die Zahl, die alles erklärt: Mit den TV-Einnahmen kann Juventus gerade einmal den Vertrag des dritten Torhüters bezahlen. In England kassiert der schwächste Klub der Liga eine Million Euro – genug für vier Champions-League-taugliche Spielerinnen. Das ist keine Lücke, das ist eine Schlucht.

Wolfsburg war kein versagen – es war ein gewichtsklassenunterschied
Das Ausscheiden gegen den VfL Wolfsburg in der Champions League schmerzt Braghin, aber er ordnet es nüchtern ein. Juventus investiert ähnlich wie ein solider Lega-Pro-Klub – also etwa ein Viertel dessen, was ein englischer oder deutscher Konkurrent ausgibt. Wer mit einem Drittel der Feuerkraft antritt, darf trotzdem stolz auf Siege gegen Atlético Madrid und Benfica sein. Gegen Wolfsburg aber zeigte sich, dass gewisse Begegnungen noch mit zu viel Anspannung angegangen werden. Das ist keine Charakterfrage. Das ist eine Ressourcenfrage.

Was das land braucht: eine eigene liga und institutionelle rückendeckung
Braghin spricht offen aus, was viele denken, aber selten so klar formulieren: Der Verband macht Anstrengungen in der Ausbildung, doch es braucht mehr. Eine autonome Liga, wie sie das Verbandsreglement bereits vorsieht, wäre ein erster Schritt. Dazu ein strukturierter institutioneller Rückhalt, der die finanzielle Nachhaltigkeit absichert – nicht als Almosen, sondern als Investition in ein Produkt, das längst europäisches Niveau erreicht hat.
Zwei italienische Klubs unter den Top-10 des UEFA-Rankings. Eine Nationalmannschaft, die bei der EM knapp an der Finalteilnahme scheiterte. Das ist kein Zufall. Das ist Arbeit. Und diese Arbeit verdient eine Infrastruktur, die ihr gerecht wird.

Der markt-paradox: geld da, aber niemand will kommen
Juventus kann zahlen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Spitzenspielerinnen aus dem Ausland schauen sich die Stadien an – teilweise marode, mit unebenen Plätzen – und winken ab. Geld allein reicht nicht, wenn das Produkt rund um den Spieltag nicht stimmt. Braghin zieht daraus eine klare Konsequenz: Man setzt auf Spielerinnen, die nach einem schwierigen Jahr einen Neustart suchen, auf Talente, die den letzten Sprung brauchen, und auf den eigenen Nachwuchs aus Vinovo. Beccari und Schatzer stehen exemplarisch für diesen Weg.

Trinchieri, girelli und die philosophie des zusammenhalts
Was die Erfolge der letzten Jahre wirklich erklärt, ist für Braghin keine taktische Feinheit. Es ist eine Haltung. Er zitiert Andrea Trinchieri, den Basketballtrainer, als einen seiner wichtigsten Inspiratoren: nicht verhandelbare Werte, eine Kultur der Zugehörigkeit, eine Gruppe, die mehr gibt, als sie bekommt. Der Kern dieser Mannschaft hat neue Spielerinnen nicht nur integriert – er hat sie geprägt.
Cristiana Girelli geht nach Amerika. Braghin gönnt es ihr ohne Vorbehalt. Sie hat alles gegeben, auch neben dem Platz. Und weil Fußballerinnen – anders als ihre männlichen Kollegen – nach der Karriere noch Jahrzehnte arbeiten müssen, ist ein Wechsel in die NWSL keine Flucht, sondern Vernunft.

Ein neues blatt – aber diesmal mit rahmen
Wenn Braghin heute wieder von vorne anfangen müsste, wäre das Papier nicht mehr leer. Zehn Jahre haben eine Kontur hinterlassen. Was fehlt, ist kein Fundament mehr – sondern Tempo. Der Frauenfußball in Italien entwickelt sich schnell. Wer das nicht glaubt, soll sich eine Aufzeichnung aus der Saison 2018 ansehen: Das war kein moderner Fußball, das war ein Rückblick auf die Männer der Fünfzigerjahre. Heute laufen diese Mannschaften, kombinieren, pressen. Die sportliche Conquista hat begonnen. Jetzt muss das System mithalten.
