Justus strelow knöpft sich afrika vor: „erst safari, dann silber-powerplay“

Er hat Bronze geholt, jetzt will er Kopf und Seele aufräumen. Nach 127 Wettkampftagen in dieser Saison fliegt Justus Strelow am Freitag mit Frau Elli und Sohn Karl Richtung Südafrika – und lässt für drei Wochen sein Gewehr im Kofferraum der deutschen Ski-WM sitzen.

„Der Bogen spannt sich nur, wenn man die Sehne locker macht“, sagte der 29-Jährige am Dienstagabend in Dresden. Die olympische Mixed-Staffel-Medaille ist längst versiegelt, die Weltcupsaison gelaufen, das restliche Ziel heißt: Reset. „Ich brauche fernab von Schneekanonen das Gefühl, dass mein Kalender nicht piept, wenn ich den Teebeutel rausnehme.“

Die rechnung: 1.200 schuss, 23.000 reisekilometer, ein familienkonto im minus

Strelow zählte nach. Seit November verschoss er rund 1.200 Wettkampfschuss, saß in 18 Flugzeugen und verpasste Karls ersten Schultag, Ellis Geburtstag und das gemeinsame Ikea-Regalbau-Projekt. „Ich habe WhatsApp-Stickers gesammelt, statt meiner Frau beim Friseur zuzusehen. Das ist kein Lebensentwurf, das ist ein Lebens-Ausverkauf“, schreibt er in seiner Kolumne für die Sächsische Zeitung.

Die Zahlen sind klein, die Spur groß. Wer sich fragt, warum deutsche Biathleten immer öfter über Erschöpfung klagen, muss nur Strelows Kalender öffnen: 14 Weltcupstationen, Olympia, zwei Dopingkontrollen pro Monat, Sponsortermine, Pressekonferenzen. „Wenn ich am Abend in Oslo das Hotelzimmer betrat, wusste ich nicht mal mehr, in welcher Stadt ich aufwachen würde.“

Safari statt schießstand: warum südafrika der perfekte gegenpol ist

Safari statt schießstand: warum südafrika der perfekte gegenpol ist

Er wählte Kapstadt statt Kitzbühel, Pinguine statt Podest. Südafrika bedeutet für ihn zwei Dinge: keine Schneekristalle und keine Ergebnislisten. „Ich will meinem Sohn zeigen, dass es Tiere ohne Schießscheibe gibt“, sagt er und lacht. Die Familie logiert in einem Holzhaus am Rande des Krüger Nationalparks – kein Empfang, kein TV, dafür Löwenbrüllen als Weckton.

Training? „Nur die Beine, wenn sie vor einem Geparden wegrennen.“ Er nimmt Joggingschuhe mit, aber kein Pulsmesser. „Wenn ich nach drei Wochen wieder zehn Minuten am Stück joggen kann, ohne dass mir ein Datenblitz an die Stirn klopft, ist das schon ein Erfolg.“

Die stimme im nacken: warum die pause keine flucht, sondern taktik ist

Die stimme im nacken: warum die pause keine flucht, sondern taktik ist

Kritiker murren: Ein Profi, der Urlaub macht, während seine Konkurrenten schon wieder auf dem Roller ski sitzen? Strelow zuckt mit den Schultern. „Wer denkt, dass Leistung linear wächst, versteht nichts von Regeneration.“ Er verweist auf Arnd Peiffer, der 2015 nach einer Auszeit Weltmeister wurde, und auf Laura Dahlmeier, die ihre besten Saisons nach Sabbatjahren feierte. „Muskeln erholen sich in sechs Wochen, der Kopf braucht sechs Monate.“

Der Plan steht: April wird zur Bewegungslosigkeit, Mai zur Basis. Dann startet er mit 60 Prozent seines normalen Pensums, Juni folgt das erste Schießen, Juli das erste Intervall. „Wenn ich im Oktober in Kontiolahti an die Startlinie komme, will ich wieder Lust aufs Ziehen statt nur aufs Treffen haben.“

Und die Medaillen? „Die hängen im Flur, nicht im Kopf.“ Er lacht, packt Sonnencreme und ein Buch über südafrikanische Sternbilder ein. „Wenn ich zurückkomme, zählt nicht, was war, sondern wer ich bin – ohne Piepser, ohne Druck, nur mit frischem Puder in der Patronentasche.“

Die Saison 2026/27 beginnt am 28. November in Kontiolahti. Wer dann Justus Strelow am Schießstand sieht, wird einen anderen Mann erkennen: braun statt bleich, entspannt statt verkrampft. Und wenn alzuläuft, mit einem Lächeln, das nicht nur von Bronze lebt, sondern von Sonne, Safari und der Erkenntnis: Pause ist kein Luxus, sondern Leistungsversprechen.