Julia tannheimer packt aus: so fühlte sich ihr olympia-alltag ohne feier und fans wirklich an
Die 20-Jährige lief in Antholz 20. und verhalf der Staffel zu Rang vier. Doch das, was sie dabei empfand, war weit entfernt von dem olympischen Traum, den sie sich als Kind zusammengebastelt hatte. „Keine Eröffnungsfeier, keine Athletensiedlung, keine Zeit für andere Sportarten“, zählt sie auf. Stattdessen Hotel, Shuttle, Strecke – und zurück.
Franziska preuß' rückzug war längst kein geheimnis
Tannheimer bestätigt, was hinter den Kulissen bereits kursierte: Die Entscheidung stand seit der vergangenen Saison fest. „Wir haben es geahnt, sie hat mit niemandem groß darüber gesprochen.“ Das offizielle Ende traf das Team also nicht kalt, sondern eher wie eine letzte Warnung: Jetzt seid ihr dran.
Die Lücke, die Preuß hinterlässt, ist gewaltig – sportlich und menschlich. Tannheimer nennt sie ihre „große Schwester“. Dessen Wegfall aber konfrontiert die junge Saale-Sportlerin mit einer Frage, die sie laut werden lässt: Kann ich künftig selbst die Richtung vorgeben?

Das schießen ist noch ein offener kredit
Bei der Loipen-Geschwindigkeit hängt sie längst an der Weltspitze. „Ich laufe mit den Besten mit, das ist kein Zufall mehr“, sagt sie. Der Haken: „Am Schießstand zahle ich noch Zinsen.“ Ihre Zahlen sprechen eine klare Sprache: In Kontiolahti kostete fast jeder Fehler zehn Sekunden, die sie sich zuvor erlaufen hatte.
Dennoch zeigt sich Tannheimer selbstbewusst. „Wenn ich null oder einen Fehler schaffe, bin ich zufrieden – egal, was auf der Tafel steht.“ Das klingt nach Sportspsychologie-Buch, ist aber die einzige Herangehensweise, die Sinn macht, wenn man sich in einem Feld bewegt, in dem Franziska Preuß jahrelang den Maßstab gesetzt hatte.

Social-media-hass landet im papierkorb
Vanessa Voigts öffentlicher Rundumschlag gegen Hater habe sie beherzt gefunden. Tannheimer selbst blieb verschont – „vielleicht, weil ich noch so jung bin“. Dennoch: „Kritik an der Leistung okay, alles andere wird blockiert.“ Vor Wettkämpfen verschwinden die Apps vom Handy. „Sonst raubt es dir die Energie, die du auf der Strecke brauchst.“
Diese Lektion hat sie sich selbst erarbeitet. Die Verbandstrainer sprechen das Thema zwar an, doch echte Schutzschilder bauen sich nur im Kopf. „Jeder muss seinen eigenen Modus finden.“

Norwegen und frankreich? die jagd beginnt jetzt
Maren Kirkeeide und Océane Michelon nennt sie als Maß aller Dinge. Beide holten Gold in Einzelrennen, beide sind jünger als 24. „Die werden nicht langsamer, deshalb müssen wir schneller werden.“ Ihr persönlicher Plan: in zwei Jahren um fünf Sekunden pro Kilometer schneller, dazu ein Schießfehlerquote unter zwei Prozent. Dann, so rechnet sie, wäre „Top-10 keine Zauberei mehr“.
Ob das reicht, um künftig Medienrummel und Fanpost zu ernten? Tannheimer zuckt mit den Schultern. „Ich will keine zweite Preuß werden, ich will die erste Tannheimer.“ Der Satz klingt ein bisschen nach Hollywood, aber er passt zu einer Sportlerin, die gelernt hat, dass Olympia nicht nur Medaillen, sondern auch Entbehrungen bedeutet.
Kurz vor dem Weltcup-Finale in Oslo steht sie nun erstmals ohne ihr Vorbild auf der Matte. Die Uhr tickt – und das ist gut so. Denn wenn es eine Erkenntnis gibt, die Julia Tannheimer aus ihrer fragenden Debüt-Saison zieht, dann diese: Abstand zur Weltspitze hin oder her, die einzige Richtung, die zählt, ist nach vorn.
