Jetzt ist es raus: stiller rückt nach – und stuttgart jubelt

Es ist fix: Angelo Stiller darf wieder in den Kreis der Besten. Nachdem Aleksandar Pavlović wegen Hüftbeugerproblemen abgesagt hat, hat Julian Nagelsmann den VfB-Regisseur für die Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana nachnominiert. Keine Bonusspur, keine Gefälligkeit – sondern die logische Konsequenz aus einer Saison, in der Stiller längst zum Schaltzentrum der Schwaben avanciert ist.

Stiller ist kein ersatzmann, er ist der nächste schritt

Die Zahlen sprechen für sich: 2.312 Ballaktionen, 87 Prozent Passquote, 38 Ballgewinne im Mittelfeld – alles Bestwerte im Kader von Sebastian Hoeneß. Stuttgart liegt auf Champions-League-Kurs, steht im Pokalhalbfinale und hat dabei einen Sechser, der nicht nur zerstört, sondern auch inszeniert. Genau das hatte Nagelsmann schon im September probiert, damals allerdings ohne Erfolg (0:2 in der Slowakei). Jetzt bekommt der Bundestrainer eine Revanche – und Stiller eine zweite Chance, diesmal als gestählter Leistungsträger.

Im Training in Herzogenaurach wird er auf vier Clubkollegen treffen: Undav, Leweling, Nübel, Vagnoman. Die Stuttgarter Fraktion wächst, das macht die Integration leichter, aber die Konkurrenz brutaler. Mit Leon Goretzka, Felix Nmecha, Anton Stach und Pascal Groß buhlen vier etablierte Kräfte um zwei WM-Tickets. Stiller weiß: Er hat 180 Minuten, um sich festzuspielen. Keine Testspielroutine, sondern echtes Spieltempo gegen die Schweiz und Ghana. Wer hier glänzt, fliegt im Sommer nicht als Tourist nach Nordamerika.

Der pokal als turbo, das stadion als druckkessel

Der pokal als turbo, das stadion als druckkessel

Paradox, aber wahr: Stiller profitiert von der Doppelbelastung. Während andere Nationalspieler zwischen Liga und Europacup pendeln, hat er mit Stuttgart noch den Pokal im Nacken. Das Halbfinale gegen den FC St. Pauli kommt wie ein Vorbereitungslehrgang: hohe Intensität, knappe Räume, Endspielstimmung. Wer dort die Nerven behält, ist für Nagelsmanns Kurzzeit-Experiment prädestiniert. Und es gibt einen Nebeneffekt: Stuttgart kann ihm keine Ruhephase gonnen – Stiller bleibt im Rhythmus, körperlich wie mental.

Die letzte Länderspiel-Pause endete für ihn mit einem Paukenschlag. Nach dem Debüt gegen die Slowakei schlichen sich Zweifel ein: zu leichtfüßig, zu sehr Ballartist. Seither hat er zugelegt, an Körmasse und an Präsenz. Beobachter sprechen von einem „kontrollierten Raufbold“, der sich nicht mehr nur durch Filigran, sondern auch durch Zweikampfquote empfehlt. Die Zahlen bestätigen es: Seit Januar gewinnt Stiller 56 Prozent seiner Duelle – vorher waren es 42.

Wm-ticket? noch nicht gebucht, aber im kartengeber

Wm-ticket? noch nicht gebucht, aber im kartengeber

Nagelsmann mag Spieler, die sich selbst inszenieren können. Stiller tut das – nur lautlos. Kein Social-Media-Getöse, keine Berater-Interviews, stattdessen Pressing-Statistiken und Progressive-Pass-Kurven. Genau das macht ihn in einem Kader voller Markenzeichen sympathisch. Die Entscheidung fällt nicht morgen, sondern am 15. Mai, wenn der vorläufige WM-Kader nominiert wird. Bis dahin hat Stiller noch sieben Pflichtspiele, maximal acht wenn Stuttgart das Pokalfinale erreicht. Sieben Spiele, um sich unverkäuflich zu machen. Die Uhr tickt – und sie tickt für ihn.

In Stuttgart ist man längst auf den Sonderweg eingestellt. Sportvorstand Fabian Wohlgemuth bestätigt auf Nachfrage: „Wir planen nicht mit Angelo im Sommer, wir planen mit ihm im Winter.“ Gemeint: Die Champions-League-Playoffs. Ein Kompliment, das auch Nagelsmann liest. Denn wer für den VfB unverzichtbar ist, kann auch den DFB nicht kalt lassen. Fünf Länderspiele bisher, der sechste folgt am 27. März in Frankfurt. Die Bühne steht, das Publikum wartet. Stiller muss nur eins tun: das Spiel bestimmen – wie in der Bundesliga, nur mit Adler auf der Brust.