Italiens sportwelt dreht sich um: vom fußball-größenwahn zu volleyball-thron
Kein italienischer Grand-Tour-Sieger seit einem Jahrzehnt, zwei WM-Fehlgänge der Azzurri, Champions-League-Desaster der Klubs – das Land, das einst mit Fußball und Radsport die Welt erklärte, schreibt plötzlich neue Kapitel in Sportarten, die es früher kaum beachtete.
Die Zahlen sind hart. Seit Vincenzo Nibali 2014 die Tour de France gewann, blieb der Giro und Tour ohne italienischen Sieger. Im Fußball verpasste die Squadra Azzurra 2018 und 2022 die Weltmeisterschaft, während Inter und Milan in der Champions League gegen nordische Underdogs kassierten. Die Nation, die einst auf dem Rasen und Asphalt lehrte, lernt nun dazu – wo sie nie galt.

Volleyball-team erobert den thron
Italiens Volleyballer sind seit 2022 Weltmeister, sitzen auf Weltranglistenplatz eins und schmettern sich mit einem Selbstvertrauen durch die Nations League, das früher nur brasilianische Konkurrenten kannten. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Der Verband investierte 15 Millionen Euro in Nachwuchs- und Leistungszentren, installierte Datenanalysten und holte Ferdinando De Giorgi als Coach zurück, der zuvor in Polen den Europameister-Titel holte.
Gleiches gilt für Rugby: Am 5. Februar schlug das Sechs-Nation-Team England mit 29-21, der erste Sieg seit 1995. Im Baseball krönte sich Italiens U18 zum Europameister und besiegte die USA – ein Ergebnis, das vor zehn Jahren noch als Hirngespinst galt. Die Baseball-Liga Serie A wächst jährlich um zwölf Prozent Zuschauerzahlen, obwohl das Spiel in einem Land mit 24 Millionen Fußball-Lizenzspielern eine Randnotiz war.
Die Kehrseite: Der Fußball lebt weiter von Erinnerungen. Die Serie A verliert seit fünf Jahren TV-Gelder, die Stadien sind halb leer, und die Liga schafft es nicht, junge Talente zu binden. Gianluca Vialli sagte einst: „Wenn wir nicht gewinnen, reden wir wenigstens schön.“ Diese Mentalität zahlt sich nicht mehr aus.
Der Sportminister Andrea Abodi kündigte ein neues Fördergesetz an, das 300 Millionen Euro umverteilt – weg vom Fußballmonopol hin zu breiten Sportarten. Die Quote: Jeder Verein, der Mädchen- und Frauenmannschaften aufstellt, bekommt doppelte Förderung. Das Ergebnis: 4.000 neue Volleyball-Mädchen-Teams innerhalb von 18 Monaten.
Italien entdeckt, dass Erfolg nicht an Tradition gekettet ist, sondern an Investition und Mut. Wer einst nur Coppi, Maldini und Pantani zitierte, spricht heute über Ivan Zaytsev und Paolo Odogwu. Die Trophäen stehen nicht mehr im Keller der Vergangenheit, sondern im Baulager einer Zukunft, die erst beginnt.
