Italiens rugby-herren erobern das six-nations-team of the tournament
Drei Azzurri im besten XV Europas – das ist kein Lückenfüller, sondern ein Machtwort. Menoncello, Ferrari und Nicotera schreiben sich mit ihren Nennungen in die Formation des Jahres 2026 in die Geschichte ein, als erste italienische Dreifach-Präsenz seit der Einführung der Fan-Abstimmung.
Das trio, das den tiefen süden aufrichtet
Tommaso Menoncello läuft nicht nur auf, er zerstört Verteidiger. 20 Mal ließ er sich in fünf Partien nicht stoppen, kam auf 8,6 Meter nach Kontakt – kein Center in diesem Turnier generierte mehr Raumgewinn nach Tackle. Hinter ihm bereinigt Simone Ferrari die Schottengasse mit einer Präzision, die selbst Joe Marler in seinem Podcast lobte: „Er schiebt Props wie Koffer.“ Giacomo Nicotera, bis vor zwei Jahren noch Edoardo Gori-Ersatz in Treviso, wirft jetzt Einwürfe bei 100 km/h Line-Speed und trifft nach Stürmen mit der Genauigkeit eines Dartprofis. Seine 42 erfolgreichen Einwürfe bei 44 Versuchen machten ihn zur sicheren Nummer eins der Fan-Umfrage.
Die Zahlen sind lautstark, aber sie erklären nicht die Stimmung. Als das offizielle XV am Dienstagabend in sozialen Netzwerken auftauchte, schoss „Forza Azzurri“ innerhalb von 30 Minuten auf Platz eins der italienischen Twitter-Trends – vor Salvini und vor der Champions-League-Auslosung. Das hatte das Rugby-Boot noch nie geschafft.

Warum paris und dublin jetzt zittern
Frankreichs Sieg gegen England (48:46) war spektakulär, aber Antoine Dupont warnte schon am Rand des Stade de France: „Wenn Italien so weitermacht, müssen wir 2027 mit mehr als Talent arbeiten.“ Die Aussage klingt wie Hoflichkeit, ist aber taktisch gemeint. Die Franzosen wissen: In zwei Jahren trifft das Turnier auf eine Generation, die mit zwei Siegen gegen Schottland und England Selbstvertrauen tankte und mit drei Leuten im Team of the Trophy jetzt auch das Etikett ‚unerlässlich‘ trägt. Irland wiederum stellt zwar vier Spieler im Dream-Team, verlor aber die Meisterschaft am letzten Wochenende – und damit die Aura der Unbesiegbarkeit.
Italien fehlt noch die Breite, nicht mehr die Spitze. Der Kader ist jung (Durchschnittsalter 25,1), die meisten Stammspieler stehen bei Top-14- oder Premiership-Clubs unter Vertrag. Das löst ein altes Problem: Früher reisten die Azzurri als Touristen, jetzt als Kollegen. „Wenn du Ramos, Dupont und Doris jede Woche in der Umkleide triffst, hörst du auf, sie zu verehren – du analysierst sie“, sagt Menoncello im Kurzinterview mit Sky Italia. Genau diese Analyse führte zu seiner individuellen Gala gegen England, als er Henry Slade dreimal in Folge aus dem Raster wischte.

Der nebeneffekt, den keiner auf der rechnung hatte
Sponsoren schlagen zu. Der italische Versicherungskonzern Generali verlängerte seinen Vertrag um drei Jahre, der Ausrüster Macron meldet 47-prozentigen Merchandise-Zuwachs gegen Vorjahr. Selbst der italienische Rugby-Verband, chronisch unterfinanziert, vermeldet eine schwarze Null für 2026 – erstmals seit 2011. Der Grund: TV-Gelder. RAI verzeichnete gegen England 2,3 Millionen Zuschauer, ein Rekord für eine Nations-Partie am Samstagabend. Wer Azzurri-Spiele zeigt, bekommt Zugang zu einer Demografie, die sonst nur der SKI-Weltcup liefert: jung, weiblich, urban.
Die Debatte, ob das Team nun Weltklasse sei oder nur eine Momentaufnahme, verraucht angesichts der Statistiken nicht. Italien hatte im Turnier 59 Proads, also Vorstöße mit Ball am Arm – nur Frankreich kam auf mehr. Die Tackle-Quote lag bei 90,4 %, Schlusslicht Wales nur bei 85,1 %. Die einzige Trübung: das 7:41 in Cardiff. Kieran Crowley sprach von „Lehrgeld“, doch der Gegner-Check zeigt: Wales spielte mit einer Zielgerade, die durch das frühe Ausscheiden von Alun Wyn Jones motiviert war. Kurz: ein Ausreißer, kein Strukturbruch.
Die Saison 2026/27 beginnt in sieben Monaten mit Tests gegen Japan und den All Blacks. Die Tickets für Stadio Olimpico waren innerhalb von 72 Stunden ausverkauft – ohne Preisgestaltung bekanntzugeben. Das spricht eine deutlichere Sprache als jedes Sponsoren-Powerpoint. Wer drei Spieler ins Team of the Tournament stellt, muss keine Zukunft mehr erfinden – er muss sie nur nicht verspielen.
