Italiens rugby-elf jagt historischen doppelpack in cardiff

Rom – Nach dem Kantersieg gegen England will das Azzurri-Team am Samstag im Principality Stadium den nächsten Befreiungsschlag landen. Die Buchmacher sehen Italien erstmals seit 22 Jahren als Favorit in Cardiff – und das 1,54-für-Sieg-Signal wirft eine Frage auf, die vor Wochen noch als Rugby-Blasphemie gegolten hätte: Muss Wales jetzt zittern?

Warum italien plötzlich als geheimfavorit gilt

Gonzalo Quesadas Mannschaft reist nicht nur mit breiter Brust, sondern mit Statistik im Gepäck. Zwei Siege in Folge gegen die Waliser, beide mit mindestens einem Try Vorsprung, lassen die Quoten nach unten rasseln. William Hill zahlt auf einen italienischen Sieg nur noch 1,54 – ein Wert, der sonst den Red Dragons vorbehalten war. Die Buchmacher vertrauen dem formstarken Lorenzo Cannone, der gegen England 17 Ballkontakte in die Offensive setzte, und auf die Führungsqualitäten von Michele Lamaro, der mit 78 Tackles die Sechs-Nationen-Bestmarke hält.

Doch die Zahlen lügen nicht: Wales kassierte in den letzten beiden Heimspielen 52 Punkte, Italien verbuchte Auswärts zwei Bonus-Siege. Die Luft für Warren Gatlands Squad wird dünner, seit Louis Rees-Zammit nach Jacksonville abtauchen musste und der neue Flügel Ellis Mee erst seit zwei Wochen im Test-Kader steht.

Die taktische zerreißprobe

Die taktische zerreißprobe

Quesada wird wohl dieselbe Startformation wie gegen England aufbieten: Paolo Garbisi steuert die Spielanlage, Tommaso Menoncello rückt als Drift-Blocker vor, und der eingebürgerte Louis Lynagh soll mit 10,4 Sekunden Sprintgeschwindigkeit auf der Außenseite nachsetzen. Die italienische Maul-Verteidigung funktionierte gegen die englische Rolling-Maul zu 87 % – ein Wert, der in Cardiff Gold wert ist, denn die Waliser erzielten 40 % ihrer Tries aus der Formation.

Kick-Press und schnelle Nachstellen: Das sind die Stichworte, mit denen Analyst Federico Panchetti die Roten Drachen entzaubern will. Seine Datenlage zeigt, dass Wales in den ersten drei Phasen 2,3 Sekunden länger braucht als der Turnierdurchschnitt – genug Zeit für Zuliani und Cannone, um mit dem Blitz-Tackle den Rhythmus zu sprengen.

Die stimmung im bootshafen von cardiff

Die stimmung im bootshafen von cardiff

Am Pier von Cardiff Bay haben sich schon 1.500 italienische Fans in Azzurri-Flaggen gehüllt. Sie singen „Fratelli d’Italia“ und winken mit Plakaten, auf denen „Wooden Spoon for Wales“ steht. Die walisische Polizei hat den Einsatz zusätzlicher Dog-Squads angekündigt – nicht wegen Gewalt, sondern wegen der akustischen Belastung: Italiener sind berüchtigt dafür, Tröten und Trommeln bis in die Nacht zu begleiten.

Im Stadion angekommen, wird die Dramaturgie klar: 73.000 Stimmen, eine geschlossene Tribüne, und dazwischen 15 italienische Gladiatoren, die wissen, dass ein Sieg hier die größte Überraskung seit der Trennung von der Five Nations wäre. Die letzte italienische Siegesserie in der Fremde liegt 17 Jahre zurück – damals gegen Schottland in Edinburgh.

Der Countdown läuft: Samstag, 17.40 Uhr Ortszeit, Principality Stadium. Wenn Schiedsrichter Karl Dickson den Kick-Off-Pfiff ertönen lässt, beginnt für Italien nicht nur ein Spiel, sondern ein Stück Rugby-Geschichte. Die Azzurri haben die Chance, erstmals drei Siege in einer Sechs-Nationen-Saison zu landen – und gleichzeitig Wales in die Krise zu stürzen. Die Quote 1,54 mag kühl kalkuliert sein, doch das Feuer, das Cannone, Garbisi und Co. entfacht haben, ist rein menschlich. Cardiff wird erleben, dass Favoritenrollen neu verteilt werden – und vielleicht bald Italiens rot-weiß-grüne Flagge über der Hymnenhymne weht.