Italia brennt unter druck: nordirland will den traum vom wm-coup wachküssen
Gestern noch Paria, heute Jäger. In Bergamo schlagen zwei Realitäten aufeinander: Die Squadra Azzurra, gefangen zwischen zwei WM-Flops, und eine Elf vom Rande des Empire, die nur noch zwei Siege vom Traumland Katar trennt.
Die angst, die sich selbst fürchtet
Die Londoner Times legt es schonungslos offen: Furcht vor der eigenen Furcht ist Italiens größter Gegner. Kein Gegner hat mehr Spott ertragen müssen als der viermalige Weltmeister, der seit 2006 nur ein einziges Turnierspiel gewann – damals gegen England, 2014 in Brasilien. Rang 12 der FIFA-Weltliste klingt nach Respekt, doch die Erinnerung an die Play-off-Desaster von 2018 und 2022 nagt am Selbstbild wie Säure am Marmor.
Michael O’Neill, Trainer der Nordiren, schickt keine Raketen, sondern einen Stachel: „Wir haben alles zu gewinnen, sie alles zu verlieren.“ Die Logik ist simpel. Sein Team, nur Platz 69, reist ohne Conor Bradley und Dan Ballard, doch mit dem Selbstvertrauen zweier Duelle gegen Deutschland im Rücken. Ethan Galbraith, 24, sagt der BBC: „Wir haben uns selbst gekniffen, um sicher zu sein, dass wir nicht schlafen.“ 1.300 Fans haben Billigflüger nach Mailand gebucht, um den Albtraum Italiens mit grün-weißem Gesang zu unterfüttern.

Der mythos zählt nicht, wenn der ball rollt
Die Statistik lügt nicht, aber sie erzählt nur die Hälfte. Seit 2006 wartet Italien auf einen zweiten WM-Triumph, die Nordiren haben noch nie ein Weltmeisterschafts-Endspiel gesehen. Doch genau das macht sie gefährlich. „Wir haben gelernt, dass 100 % reichen, um mit jedem zu spielen“, sagt Galbraith. Gemeint ist: keine Statistik schützt vor einem Kaltbad.
Die Azzurri müssen nicht nur Nordirland schlagen, sie müssen die eigenen Dämonen überlaufen. Roberto Mancini hat den Spagat zu meistern: das Risiko zwischen Kontrolle und Kreativität, zwischen Erbe und Neuanfang. In Bergamo, dort wo Atalanta seit Jahren Europa erstaunt, könnte die nächste Sensation nur 90 Minuten entfernt sein. Für die einen ist es die Qual, für die anderen die Chance. Die Uhr tickt. Die Furcht ist real. Und sie trägt zwei Gesichter.
