Iranische fußballerinnen leben im exil – und das regime verfolgt sie trotzdem

Sie tragen kein Kopftuch, sie trauen sich zu lachen, sie trainieren unter ihrem eigenen Namen – und trotzdem schlägt ihnen die Angst auch in Australien in die Magengrube. Die iranischen Nationalspielerinnen Fatemeh Pasandideh und Atefeh Ramezanisadeh sind vor zwei Wochen in Brisbane untergetaucht, doch ihre Familien sitzen im Iran fest. Dort wurde bereits das Elternhaus von Pasandideh markiert, die Schwester Ramezanisadehs wurde vorgeladen. Die Botschaft: »Wenn ihr sprecht, zahlen die euren Angehörigen.«

Die willkommensparty war ein inszenierungsmarathon

Die Staatsmedien zeigten sieben Tage lang die Heimkehr der Mannschaft nach Teheran: Blumen, Militärmusik, Tränen der Dankbarkeit. Was fehlte, war jede Erwähnung davon, dass sieben Spielerinnen in Australien Asyl beantragt hatten – und dass fünf von ihnen die Anträge später widerriefen, nachdem Angehörige „zu Gesprächen“ gebeten wurden. Die beiden, die blieben, trainieren jetzt beim Brisbane Roar, aber selbst dort schaut der Security-Mann zweimal hin, wenn ein unbekanntes Gesicht die Tribüne betritt. Der Verein lehnte ein Interview ab: »Wir wollen keine zusätzliche Zielscheibe sein.«

Der Rest der Mannschaft ist wieder daheim. Ihre Social-Media-Kanäle posten seit dem 20. März nur noch staatliche Feiertagsgrüße – kein einziges Trainingvideo, kein Gruppenfoto. Das ist kein Zufall. Agenten des Ministry of Intelligence verteilen sich auf die Hotels, in denen Frauenteams abgesteckt werden. Die Spielerinnen dürfen Handys nur noch mit offizieller SIM-Karte nutzen, die vorab geprüft wird. Wer sich weigert, fliegt aus dem Kader. Wer zu viel liked, fliegt aus dem Kader. Wer schweigt, bleibt – und schweigt für immer.

Der preis für ein kopftuch, das runterrutschte

Der preis für ein kopftuch, das runterrutschte

Die Islamische Republik hat Frauenfußball längst zur Schauetappe umfunktioniert: Solange die Spielerinnen im Ausland auftreten, dienen sie als Beweis für vermeintliche Modernität. Sobald sie sich aber eigenständig zeigen, wird nachgesteuert. »Das Kopftuch darf maximal zwei Zentimeter zurückrutschen«, zitiert ein ehemaliger Teamarzt die Vorgabe. Wer sich nicht daran hält, bekommt keine Startfreigabe. Wer asyliert, wird zur Staatsfeindin erklärt. Der ehemalige Bundesliga-Profi Ali Karimi, heute mit 15 Millionen Instagram-Followern eine Stimme im Exil, erhielt deshalb Morddrohungen in Goldbuchstaben: »Deine Tochter sieht dich nie mehr aufwachsen.« Sein Haus in Dubai wurde ausgeräumt, die Villa in Teheran beschlagnahmt. Sein Name wurde von der Hall of Fame gestrichen – ein Akt der administrativen Liquidierung.

Die Angst vor dem Revolutionary Guard reicht bis Australien. Dort lebt auch der 19-jährige Ringer Saleh Mohammadi nicht mehr – er wurde vor drei Tagen in Karadsch gehängt, nachdem man ihm vorgeworfen hatte, bei Protesten im Januar einen Polizisten getötet zu haben. Das Urteil dauerte 48 Stunden. Die Beweise: ein „Geständnis“ und ein Video, das laut Amnesty International unter Folter entstand. Der Fall passt ins Muster. Seit Jahresbeginn wurden mindestens sechs Sportler hingerichtet, alle wegen „Mordes an Sicherheitskräften“. Die Zahl der stillen Abschiebungen ist unbekannt.

Flucht wird zum dauerbrenner – und die verbände schauen weg

Flucht wird zum dauerbrenner – und die verbände schauen weg

Das IOC lobt sich gern mit dem Refugee Olympic Team, doch wer meint, die Organisation würde Druck auf das Iranische Olympische Komitee ausüben, irrt. Offizielle Sanktionen? Fehlanzeige. Stattdessen fließt weiter Geld über Umwege: Trainingslager in Osteuropa, Coaches aus Kroatien, Ausrüsterverträge mit deutschen Marken. »Solange die Verbände nicht öffentlich sanktionieren, sind sie Teil der Kette«, sagt der Menschenrechtler Mahsa Alimardani. Die FIFA wiederum verweist auf ihr Human Rights Policy Paper – ein Dokument, das seit 2017 existiert, aber keine Konsequenzen bei Verstößen definiert.

Die australische Regierung will die beiden Fußballerinnen nicht abschieben, doch ein dauerhafter Aufenthalt ist noch nicht sicher. Ein Beratungsgespräch ist für Mai angesetzt. Bis dahin trainieren sie unter Pseudonym, ihre Trikots ohne Namen. Die Knie sind geschrumpft, weil sie nachts nicht schlafen können. »Ich träume, dass meine Mutter anruft und weint«, sagte Pasandideh einem Teamkollegen. Die Mutter selbst durfte seit Januar kein zweites Mal anrufen. Der Vater wurde zur „Beratung“ ins Ministerium bestellt. Seitdem schweigt die Leitung.

Die Geschichte wiederholt sich, nur schneller. 1956 flüchteten ungarische Wasserballer in Melbourne, 1975 nutzte Martina Navratilova die US Open zur Flucht, 2021 flohen afghanische Fußballfrauen per Militärtransporter. Die neue Variante: Die Repression reist mit. WhatsApp-Chats werden weitergeleitet, Drohungen übersetzt, Familienfotos auf Instagram als Erpressungsmaterial archiviert. Exil ist kein Ziel, sondern ein Prozess, der nie endet.

Für die beiden in Brisbane wird der 27. März 2026 nicht als Tag der Befreiung in Erinnerung bleiben, sondern als Beginn eines endlosen Wartens. Sie trainieren, weil sie nicht anders können. Sie lachen, weil sie nicht anders dürfen. Und sie schauen aufs Handy, weil die nächste Nachricht ihr Leben erneut auf den Kopf stellen könnte. Die Uhr tickt – und das Regime tickt mit.