Inter zittert sich wieder in die giroud-falle: der 5-punkte-absturz droht

Appiano Gentile atmet anders. Nach dem Remis gegen Atalanta und dem drohenden Milan-Sieg in Rom schrumpft der Vorsprung der Nerazzurri von einst 13 auf vielleicht nur noch 5 Punkte – und im Kopf der Spieler dreht sich 2022 die alte Giroud-Schreckenssekunde im Loop.

Was in Mailand „Braccino“ heißt, ist keine Münze, sondern ein Fluch: die Angst, Vorsprünge zu verspielen. Vier Jahre nach Girouds Doppelschlag im Derby, der einen 7-Punkte-Polster in 180 Sekunden in Rauch verwandelte, kehrt dieselbe Beklemmung zurück. Die Kabine ist starr, die Sprache hart, die Trainingsplätze leiser geworden.

Der zeitplan des nervenzusammenbruchs

Der Kollaps folgt einem Stundenplan. Minute 75 gegen Atalanta: Frattesi fällt im Strafraum, der Pfiff bleibt aus. Sekunden später zapft der Sky-Kommentator das alte Wort „Giroud-Giro“ an – und in den sozialen Gruppen der Curva Nord explodiert der Bildschirm. Die Spieler selbst sahen die Bilder erst auf dem Rückflug, als das Flugzeug über dem Apennin kreiste und die Piloten um Landeerlaubnis warteten. Zu diesem Zeitpunkt lag Milan bereits 1:0 in Rom vorne.

Simone Inzaghi redet von „Kopf-hoch-Fußball“, doch seine Stimme überschlägt sich. Die Athletikabteilung hat die Herzfrequenz der Starter ausgewertet: in den letzten 15 Minuten in Bergamo schnellten die Werte um 18 % nach oben – ein Indiz für panisches Anspannen statt kontrollierter Aggression. Keiner der Feldspieler ging nach dem Abpfiff noch in die Mixed Zone, einzig Backup-Torwart Alex Cordaz murmelte: „Wir müssen das Gift sofort abschütteln, sonst erinnert uns jeder Rasen an den alten Fehler.“

Die datenlage lügt nicht

Die datenlage lügt nicht

Seit Mitte Februar kassierte Inter in sieben Pflichtspielen elf Gegentore – im vorangegangenen Dreißigtagewerk waren es nur acht. Die xG-Differenz (erwartete Tore minus erhaltene Tore) fiel von +1,4 auf minus 0,3. Die einstige Stahlfirma wirkt wie ein Schloss, dessen Riegel rosten. Und der Kalender ist ein erbarmungsloser Gegner: Nach der Länderspielpause warten Auswärtsspiele in Bologna und Neapel, zwei Stadien, in denen Inter zuletzt dreimal hintereinander ohne Tor blieb.

Der Klub versuchte am Montag, die Debatte zu dämpfen. Geschäftsführer Giuseppe Marotta lud ein halbes Dutzend Reporter zu einem „informellen Kaffee“ ein und betonte, „noch nie“ habe man so früh im März die Meisterschaft als entschieden betrachtet. Doch die Worte klangen wie ein Schulterzucken gegen die eigene Angst. Denn in der Via Durini reden die Buchmacher bereits: Die Quote auf einen Inter-Meistertitel stieg über Nacht von 1,45 auf 2,10 – ein Crash, der Aktienkurs der Klub-Mutter Suning fiel parallel um 4 %.

Die einzige lösung heißt tuchels gesetz

Die einzige lösung heißt tuchels gesetz

Was bleibt, ist ein Trick der Psyche. Trainer Inzaghi hat dem Team in dieser Woche ein Video gezeigt: die 0:2-Pleite von Chelsea gegen Arsenal im Januar 2022. Thomas Tuchel sprach danach von „Fels und Flamme“, Chelsea holte aus der Krise 21 von 27 Punkten und qualifizierte sich für die Champions League. Die Botschaft: Eine Saison kippt nicht durch zwei Patzer, sondern durch das Nachlassen der eigenen Überzeugung.

Am Mittwoch steht die nächste Lektion an: Coppa Italia-Viertelfinale gegen Bologna. Inzaghi will rotieren, doch die Wahrheit ist simpler: Wer jetzt nicht gewinnt, darf nicht mehr jammern. Denn die Geschichte wiederholt sich nur, wenn man sie lässt. Und Milan trifft in 13 Tagen wieder auf Inter – diesmal im Cup. Dann zählt kein xG-Wert, keine Herzfrequenz, nur das Ergebnis. Die Uhr tickt laut in Appiano. Der Vorsprung schmilzt, die Erinnerung nicht.