Inter zittert: giroud-geist kehrt zurück und droht titel-serie

Mailand – Die Luft in Appiano Gentile schmeckt plötzlich nach Metall. Vier Tage nach dem 1:1 gegen Atalanta und nur wenige Stunden vor dem möglichen Punktverlust von Stadtrivale AC Milan schielt Inter zurück – und was der Klub da sieht, gefällt ihm ganz und gar nicht. Denn der Name, der durch die Kabine geistet, ist derselbe, der vor vier Jahren eine 13-Punkte-Führung in eine 5-Punkte-Angst verwandelte: Olivier Giroud.

Der tag, an dem giroud drehte

Der 5. Februar 2022. Derby di Milano. Inter führt zur Pause durch Ivan Perisic mit 1:0, liegt gesamt sogar sieben Zähler vor dem Rossonero. Drei Minuten reichen Giroud, um die Welt auf den Kopf zu stellen: Kopfball, Rechtsfuß, 2:1. Die Serie A bebt, die Nerazzurri erfrieren. Am Ende feiert Milan die Meisterschaft, Inter sammelt nur noch blutige Knie.

Nun dasselbe Déjà-vu. Nach dem Remis gegen Atalanta beträgt der Vorsprung auf Milan acht Punkte. Gewinnt Stefano Piolis Truppe heute Abend in Rom gegen Lazio, schrumpft der Abstand auf fünf. Statistiker sprechen von „noch komfortabel“, doch im Kopf von Simone Inzaghi klingt das wie „Alarmauslösung“.

Was der tabellenrechner verschweigt

Was der tabellenrechner verschweigt

Inter hat in den letzten fünf Spielen nur sieben von 15 Punkten geholt. Die Tordifferenz fiel von plus-42 auf plus-38. Die ehemals undurchdringliche Abwehr kassierte fünf Gegentreffer – so viele wie in den zehn Spielen davor zusammen. Milan seinerseits fuhr vier Siege ein, kassierte nur zwei Gegentore und schickt Rafael Leão in einen Formlauf (3 Tore, 4 Vorlagen), der an die beste Kaká-Zeit erinnert.

Die Stimmung im Inter-Lager? „Braccino“, sagen die Italiener – der Arm wird kürzer, wenn es ans Zupacken geht. Die Spieler reden laut, aber ihre Körpersprache flüstert Zweifel. Lautore di spogliatoio erzählt vom „Giroud-Banner“, das im Trainingszentrum plötzlich auftauchte – ein Scherz, der niemanden zum Lachen bringt.

Die lösung liegt nicht im videoassistent

Die lösung liegt nicht im videoassistent

Zwar brandmarkte Inzaghi nach Atalanda die Schiedsrichter-Leistung („ein klarer Elfmeter auf Frattesi“), doch intern weiß jeder: Selbst ein regulärer Treffer hätte die Grundproblematik nicht gelöst. Inter kreiert 1,8 xG pro Spiel, verwandelt aber nur jeden fünften Großchance. Laut StatsBomb liegt der Liga-Expected-Goals-Wert von Lautaro Martínez seit fünf Partien bei 3,4 – tatsächlich traf er einmal.

Die Alternative: 3-5-2 mit Darmian stürmen lassen und Calhanoglu als „falsche Neun“? Oder doch einen echten Knipser wie Marko Arnautovic früher einwechseln – obwohl der Österreicher seit seiner Oberschenkel-Verletzung nur 37 Minuten Liga-Luft schnupperte? Entscheidungen, die über Titel und Trostlosigkeit entscheiden.

Fakt ist: Gewinnt Milan heute, ist der Vorsprung auf fünf Punkte geschrumpft – bei noch acht Spieltagen. Und dann warten auf Inter noch Duelle gegen Bologna, Rom und Neapel, während Milan mit Empoli, Verona und Cagliari drei Kellerkinder auf dem Programm hat. Die Mathematik ist noch Inter-Freund, die Psyche aber bereits Milan-Versteher.

Um 20:30 Uhr wird im Olimpico angepfiffen. Bereits 22:30 Uhr könnte die Meisterschaft wieder offen sein. Oder Inter schlägt zurück – mit einem Sieg am Sonntag in Udine. Dann wäre Giroud nur noch ein Gespenst aus vergangenen Nächten. Sonst kehrt es zurück, mit Vollbart und Torjägerinstinkt. Und der „Braccino“ wird zum „Bricconcello“ – zum kleinen Gauner, der Nerazzurri-Träume stiehlt.