Insigne kehrt zurück: von toronto ins adriatische herz

Lorenzo Insigne steht am Strand von Silvi Marina, rot-grüne Wellen schlagen gegen seine Sneaker, und er lacht: „Ich bin nie wirklich weg, nur kurz spät dran.“ Drei Tore in fünf Spielen, Pescara holt 11 Punkte – der Abstand auf das rettende Ufer schrumpft. Die Serie B trägt seine Spuren wieder.

Warum pescara und nicht bologna oder cagliari?

Die Antwort kommt ohne Zögern: „Weil hier das Meer genau wie in Neapel ist.“ Der Transfer war kein Marketing-Coup, sondern eine Not-Therapie. Sechs Monate individuelles Training nach dem Toronto-Desaster, kein Klub wollte das Risiko eingehen. Vertragsangebote gab es aus dem oberen Tableau, aber nur Sebastiani ließ Verratti eine SMS schicken: „Warte bis Deadline.“ Vertrauen statt Medizincheck – das reichte.

Die Kids weinen noch wegen der kanadischen Schule, seine Frau wegen des Winters. „Aber sieh dir an, was für ein Gespür mein Sohn hat“, erzählt er und zeigt ein Video, in dem der Älteste den 150. Profi-Treffer in Zahlen auswendig aufsagt. Bernabeu, Europameisterschaft, BVB-Freistoß – der Tiraggiro ist älter geworden, „reif wie ein Amarone eben“.

Die rechnung, die niemand ausgesprochen hat

Die rechnung, die niemand ausgesprochen hat

Scudetto verspielt, zwei WM-Playoffs verloren, 30 Millionen Dollar Gehalt kassiert – hat es sich gelohnt? „Sportlich nein, menschlich schon“, sagt er und schaut Richtung Hügel, wo die Kurve des Stadio Adriatico in den Himmel schneidet. „Wenn du glaubst, der Napoli-Titel 2023 tut weh, irrst du dich. Der Schmerz sitzt 2018, Sarri-Ära, 91 Punkte, das war meine Meisterschaft.“

Gattuso meldet sich fast täglich. Noch ist nichts entschieden, aber die Idee, mit Pescara zu überleben und dann zur WM zu fliegen, lässt ihn grinsen: „Dann bin ich vielleicht der einzige Spieler, der zweimal abstiegt und trotzdem nach Katar fährt.“ Ironie des Fußballs: Er spielt hinter den Spitzen, darf improvisieren, muss nicht mehr pressen wie ein 20-Jähriger. Die jungen Biancazzurri laufen doppelt, weil der Captain es vormacht.

Immobile? „Der kommt nächste Saison, wenn wir stehen. Bologna war nur eine Zwischenstation, Paris lockte zu stark.“ Das Gespräch ist locker, aber die Stimme wird hart, als er über Vergara spricht: „Der Junge hat Oberschenkel, Kopf und Nerven. Wenn er fit ist, kann er mein Nachfolger werden – ich werde ihn daran erinnern, dass Erbe auch Last bedeutet.“

Was bleibt, wenn das meer wieder grau wird?

Was bleibt, wenn das meer wieder grau wird?

150 Tore, ein EM-Titel, zwei Pokale – und trotzdem ist die Karriere ein offenes Kapitel. „Ich habe nie „Nationalmannschaft ade“ gesagt. Wenn der Coach anruft, bin ich bereit. Aber erst retten wir Pescara, dann sehen wir weiter.“ Der Verein liegt 18., fünf Spieltage noch. Die Mathematik ist simpel: Sieben Punkte aus den letzenden drei Partien gegen Aufstiegskandidaten – das wäre die größte Rettung der Zweitliga-Geschichte.

Die rote Ferrari-Purosangue rollt davon, Neomelodica dröhnt aus den Boxen. Für einen Moment glaubt man, Sal Da Vinci steht am Straßenrand und singt „Per sempre sì“. Aber der Sound kommt aus dem Telefon eines Kids, das gerade ein Selfie mit seinem Idol geschossen hat. Der Kreis schließt sich nicht elegant, er ruckelt – genau wie der Tiraggiro, der morgen wieder aufläuft und vielleicht den Klassenerhalt versenkt. Ende der Geschichte? Noch lange nicht.