Ingebrigtsen schraubt sich zurück: achilles-op, kein start vor juli

Jakob Ingebrigtsen ist wieder auf der Bahn, aber er trägt noch keine Spikes. Der 24-Jährige, Olympiasieger über 1500 m von Tokio und über 5000 m von Paris, absolvierte diese Woche die ersten lockeren Einheiten nach seiner Achillessehnen-Operation. Ein Starttermin? Offen. Ein konkretes Ziel? Birmingham, wenn der Körper mitspielt. Alles andere hat er gestrichen.

Kein rennen im mai und juni – das steht fest

„Wir geben keinen Tag her“, sagt Manager Daniel Wessfeldt der norwegischen Zeitung VG. „Jakob will an den Start gehen, wenn er wieder sub-3:30-Form spürt. Solange das Feuer nicht brennt, bleibt er draußen.“ Die Verletzung war im Winter erstmals aufgetreten, blockierte ihn bei der Hallen-WM in Nanjing und führte schließlich zum Eingriff. Seitdem herrscht Funkstille – bis jetzt.

Die letzten Wettkampfmeter datieren vom September 2025, als er in Tokio über 1500 m in der Vorrunde scheiterte und über 5000 m nur Zehnter wurde. Für einen Läufer, der die Europameisterschaften 2018, 2022 und 2024 im Doppelpack dominierte, eine Ewigkeit. Die EM in Birmingham (26.–31. August) bleibt das große Los, doch Wessfeldt versieht das mit einem dicken Vorbehalt: „Erst muss die Sehne Mitte Mai Vollgas aushalten. Dann entscheiden wir.“

Der Plan ist simpel, die Ausführung brisant. Ingebrigtsen trainiert derzeit zweimal täglich, einmal auf dem Anti-Gravity-Laufband, einmal im Wald. Keine Intervallsprints, keine Diagonalen. Die Belastung wird per Ultraschall und CK-Wert täglich gemessen, die Daten liegen auf dem Smartphone seines Physiotherapeuten. „Wenn die Kurve Ende April nach oben reißt, können wir über 200- Meter-Technikläufe reden“, so Wessfeldt. „Sonst nicht.“

Birmingham ist kein muss – es ist ein szenario

Birmingham ist kein muss – es ist ein szenario

Die Veranstalter in England haben bereits Kontakt aufgenommen, ein Wildcard-Start über 1500 m ist reserviert. Doch Ingebrigtsen selbst schaltet jeden Tag einen Gang zurück, wenn die Sehne morgens noch druckempfindlich ist. Dreimal hat er sich seit der OP verschnellerträumt, dreimal musste er abbrechen. „Der Junge hasst Joggen“, verrät sein Bruder Henrik im Podcast „Ingebrigtsen Unplugged“. „Aber er hasst noch mehr, wenn ihn jemand auf der Zielgeraden vorbeizieht, während er nur 90 % kann.“

Die Uhr tickt. Die Diamond-League-Meetings in Monaco und Zürich winken mit Startgeld und Punkten. Doch Wessfeldt blockiert: „Wir bauen keinen Termindruck auf, nur damit ein Sponsor glücklich ist.“ Stattdessen fliegt das Team Mitte Mai für drei Wochen nach Flagstaff, 2100 m Höhe. Keine Medien, keine Fans, nur ein Leistungstest Mitte Juni. „Wenn er dort eine 3:34-Minute trainieren kann, ist Birmingham realistisch. Wenn nicht, lassen wir das Jahr laufen“, sagt Wessfeldt.

Für Norwegen ist die Situation ein nationales Drama. Kein anderer Athlet generiert so viele Klicks, keine andere Marke verkauft so viele Laufschuhe. SVT, der schwedische TV-Sender, hat bereits ein Dokumentations-Team angeheuert, das jeden Schritt begleitet – unter der Auflage, dass keine Kameras in die Reha-Klinik kommen. Ingebrigtsen selbst postete nur ein einziges Foto: seine verschwitzte Stirn, darunter das Wort „Tålmodighet“ – Geduld.

Die Saison steht auf der Kippe, doch der 24-Jährige bleibt cool. „Ich habe zwei Goldmedaillen, ich brauche keine dritte auf Kredit“, sagte er laut Teamumfeld. „Wenn ich komme, dann komme ich schnell. Wenn nicht, dann 2026.“ Die Aussage klingt nach Selbstvertrauen – oder nach einer Finte, um die eigenen Erwartungen zu entlarven. Denn wer Ingebrigtsen kennt, weiß: Sobald er die erste 52-Sekunden-Runde dreht, ist er wieder der Jäger, nicht mehr der Gejagte.

Bis dahin bleibt die Bahn leer, die Stopuhr still. Und Norwegen wartet auf einen Läufer, der sich selbst als Uhrwerk definiert – aber gerade lernt, dass Achilles nicht nur eine Sehne, sondern auch eine griechische Erzählung ist.