Infantinos russland-pläne: wut und verzweiflung in der ukraine
- Fifa-präsident infantino sorgt für empörung
- Leben in der humanitären krise
- „Extreme unehrlichkeit“ gegenüber der ukraine
- Zerstörte infrastruktur und zivile opfer
- Infantino als „moralisch verkommen“?
- Ein testballon für die profis?
- Mangelnde solidarität und der krieg im osten
- Wann ist eine rückkehr überhaupt denkbar?
- Shevchenko fordert einen besuch der fifa-spitze
- Fußball als quelle der hoffnung
- Die liga spielt weiter
- Ein appell an infantino
Fifa-präsident infantino sorgt für empörung
Gianni Infantino, der Präsident der FIFA, hat kürzlich die Möglichkeit einer Rückkehr russischer Teams in den internationalen Fußball ins Spiel gebracht. Diese Äußerung hat in der Ukraine für massive Kritik und Verzweiflung gesorgt. Unser TSV Pelkum Sportwelt-Reporter Jörg Wolfrum sprach mit Oleh Zadernovsky, einem Mitarbeiter des Kicker, der sich mitten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew befindet, um die Stimmung vor Ort zu erfragen.

Leben in der humanitären krise
Oleh Zadernovsky beschreibt die Situation in Kiew als eine „humanitäre Katastrophe“. Die Stromversorgung ist unregelmäßig, oft nur vier bis sechs Stunden pro Tag verfügbar. Seine Familie hat in einen Generator mit aufladbaren Batterien investiert, um zumindest eine Grundversorgung sicherzustellen. Ohne Strom fällt auch die Heizung aus, und die Temperaturen in den Wohnungen sinken auf eisige 10 bis 12 Grad Celsius. Die tägliche Realität ist geprägt von Entbehrungen und der ständigen Angst vor neuen Angriffen.

„Extreme unehrlichkeit“ gegenüber der ukraine
Auf die Frage nach seiner ersten Reaktion auf Infantinos Aussagen, antwortete Zadernovsky mit scharfer Kritik: „Ich empfand dies als extreme Unehrlichkeit gegenüber den Ukrainern und als seinen immensen Wunsch, US-Präsident Donald Trump zu gefallen.“ Er betonte, dass Infantino seinen Wunsch, russische Jugendfußballer wieder in den europäischen Wettbewerb zu integrieren, an einem Tag verkündete, an dem die Ukraine einem massiven Raketenangriff ausgesetzt war. 71 Marschflugkörper und ballistische Raketen sowie 450 Kampfdrohnen wurden auf das Land abgefeuert, während die Temperaturen auf minus 20 Grad Celsius sanken.

Zerstörte infrastruktur und zivile opfer
Zadernovsky berichtete von den verheerenden Folgen des Angriffs: 1100 Wohnhäuser in Kiew waren ohne Strom und Heizung, in Charkiw waren es sogar noch mehr. Er betonte, dass auch Mädchen und Jungen in diesen Gebäuden unter Beschuss standen und Infantino sich dessen offenbar nicht bewusst sei oder es ignoriere. „Offenbar ist es für Infantino einfacher, die Augen zu schließen“, so Zadernovsky bitter. Besonders schockierend sei, dass eine der Drohnen eine Entbindungsklinik traf und schwangere Frauen in Panik versetzte.

Infantino als „moralisch verkommen“?
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha bezeichnete Infantino bereits als „moralisch verkommen“. Zadernovsky stimmte dieser Einschätzung zu. Er kritisierte, dass Infantino die Aussage mache, das Verbot gegen Russland habe nichts gebracht, sondern nur Enttäuschung und Hass geschaffen. „Das Gegenteil ist der Fall“, entgegnete Zadernovsky. Er bezweifelte, dass Infantino sich überhaupt Gedanken über die Situation der ukrainischen Kinder mache, sondern sich nur um die Interessen des Aggressors sorge.

Ein testballon für die profis?
Zadernovsky vermutet, dass Infantinos Äußerungen ein Test der öffentlichen Meinung seien. Sollte es keine starke Gegenreaktion aus der globalen Fußballgemeinschaft geben, werde Infantino seine Pläne weiterverfolgen. Er sieht darin auch einen Versuch, den russischen Markt und die damit verbundenen Geschäfte nicht zu verlieren. Er ist jedoch skeptisch, ob es Infantino gelingen werde, Russland wieder in den europäischen Fußball zu integrieren, da er mit einem grundsätzlichen Widerstand der meisten europäischen Länder rechnet.
Mangelnde solidarität und der krieg im osten
Zadernovsky beklagte, dass die internationale Gemeinschaft immer weniger Mitgefühl für die Ukraine zeige. Berichte über Raketenangriffe und Opfer seien zur Routine geworden. Er nannte das Beispiel eines zerstörten Stadions in der Region Poltawa, wodurch hunderte Kinder die Möglichkeit zum Fußballspielen verloren hätten. Die ukrainischen Junioren-Nationalmannschaften bestünden heute hauptsächlich aus Spielern europäischer Vereine, da viele Anlagen in der Ukraine zerstört oder unbenutzbar sind.
Wann ist eine rückkehr überhaupt denkbar?
„Ich denke, es wird mehrere Generationen dauern, bis Pläne für solche Spiele tatsächlich verwirklicht werden können“, sagte Zadernovsky. Eine Rückkehr russischer Mannschaften sei erst nach einem Friedensvertrag und der vollständigen Beendigung der militärischen Operationen denkbar. Selbst dann müsse sichergestellt sein, dass Russland keine neue Aggression plane. Er bezweifelt, dass der Krieg bald zu Ende sein wird, solange Russland Einnahmen aus dem Verkauf von Gas und Öl habe.
Shevchenko fordert einen besuch der fifa-spitze
Der Präsident des ukrainischen Fußballverbands, Andrij Shevchenko, forderte Infantino und den UEFA-Präsidenten auf, die Ukraine zu besuchen und sich ein eigenes Bild von der Situation zu machen. Er betonte, dass sie die Geschichten der verletzten Kinder hören und die zerstörten Stadien sehen sollten, bevor sie eine Entscheidung über den russischen Fußball treffen.
Fußball als quelle der hoffnung
Trotz der schwierigen Bedingungen sei der Fußball für die ukrainische Bevölkerung eine Quelle der Ermutigung. Die Menschen fieberten mit der Nationalmannschaft mit, und selbst Soldaten an der Front verfolgten die Spiele auf ihren Mobiltelefonen. Eine Qualifikation für die Weltmeisterschaft wäre ein enormer moralischer Schub für das Land.
Die liga spielt weiter
Die ukrainische Premier League wird am 20. Februar wie geplant wieder starten. Die Vereine absolvieren derzeit Trainingslager und Testspiele im Ausland, hauptsächlich in der Türkei. Schachtar Donezk spielt seine Heimspiele in Lviv, Sorja Luhansk in Kiew und Metalist 1925 in Schytomyr, da ihre ursprünglichen Spielorte aufgrund des Krieges unbenutzbar sind. Die Vereine sind mit erheblichen logistischen Herausforderungen konfrontiert, aber der Fußballbetrieb wird so gut wie möglich aufrechterhalten.
Ein appell an infantino
Zadernovsky riet Infantino, seinen „Elfenbeinturm“ zu verlassen und sich der Realität in der Ukraine zu stellen. Er forderte ihn auf, die Geschichte des 16-jährigen Artur zu verfolgen, der bei einem russischen Raketenangriff ein Bein verloren hat und nun wieder gehen lernen muss. Diese Geschichte sei ein mahnendes Beispiel für die Grausamkeit des Krieges und die Notwendigkeit, die Ukraine nicht im Stich zu lassen.
