Indien schnappt sich leichtathletik-wm und schiebt sich für olympia 2036 vor
1,4 Milliarden Menschen, null WM-Erfahrung – das ändert sich 2028. Der Weltverband World Athletics verleiht Indien die Hallen-Weltmeisterschaft, und Sebastian Coe liefert den Satz, der Nehru-Stadionläufe träumen lässt: „Die Zukunft der Hallen-WM ist gesichert.“ Dahinter steckt mehr als ein einzelner Event. Odisha im Osten des Subkontinents wird zur Bühne, Bhubaneswar wahrscheinlicher Austragungsort. Ein Schritt, der Indien auf dem Papier vom Commonwealth-Kandidaten zum Olympia-Hoffnungsvoll macht.

Coe setzt auf milliardenmarkt statt traditionsort
Der Brite nutzt die PR-Bühne in Torún, einen Tag vor Beginn der laufenden Hallen-WM, um die nächsten Gastgeber zu küren. Für 2030 geht die Reise nach Astana, Kasachstan. Doch der Blick richtet sich nach Südasien. Dort wartet ein TV-Publikum, das in keinem europäischen Stadion Platz findet. Die Commonwealth Games 2030 in Ahmedabad gelten als Turbo für die Infrastruktur, die WM 2028 als Probelauf für 2036. Die Rechnung: Wer die Leichtathletik beherrscht, kann auch Olympia schlucken.
Die indische Sportbehörde lehnte bisher jede Spekulation ab, doch intern kursiert ein Budget von 1,8 Milliarden Dollar für Stadien und Metro-Ausbau. Die Hallen-WM kostet etwa 60 Millionen – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass dadurch Schedules, Security-Konzepte und TV-Produktion schon mal unter Wettkampfbedingungen getestet werden.
Die Leichtathletik selbst profitiert vom Zahn der Zeit. Sieben Jahre nach Doha 2019, wo kaum Zuschauer in die Khalifa Arena fanden, sucht Coe neue Märkte. Indien liefert Zahlen, die europäische Verbände graue Haare wachsen lassen: 410 Millionen Smartphone-Nutzer, 60 Prozent unter 35 Jahren. Das ist die Zielgruppe, die Spot-TV braucht, um sich gegen E-Sports und Kurzvideo-Apps zu behaupten.
Für die Athleten bedeutet das: Hitze statt Klimaanlage, 30-Grad-Bahn statt 18 Grad. Die Hallen-WM findet traditionell im Winter statt, doch in Odisha beginnt die Trockenzeit im Februar. Die Organisation um Coe verspricht mobile Dachkonstruktionen und Nachtwettkämpfe. Kritiker erinnern an Delhi 2010, wo die Commonwealth Games von Korruption und Baumängeln begleitet wurden. Coe kontert mit einem Satz, der in Torún Applaus erntete: „Wir haben gelernt, dass Zukunft nicht nach Postleitzahl geht, sondern nach Potenzial.“
Der Countdown läuft. In zwei Jahren müssen in Bhubaneswar nicht nur Läufer starten, sondern auch ein ganzes Land seine Hausaufgaben abliefern. Schafft Indien die saubere WM, rückt Olympia 2036 in greifbare Nähe. Scheitert es, wird der Traum von 1,4 Milliarden Gastgebern auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Leichtathletik hat ihren Milliarden-Move gesetzt, jetzt sind die Stopuhren dran.
