Igor protti kämpft sich zurück ans leben – sein film zeigt, wie weit leidenschaft reicht

Igor Protti sitzt im Rollstuhl und lacht trotzdem. „Ich lerne wieder laufen, wie ein Kleinkind“, sagt der Mann, der einst vor 80.000 Fans auf der Curva Nord von Livorno sang. Vor zehn Monaten diagnostizierten ihm die Ärzte Darmkrebs, vor sechs Monaten fraßen Metastasen die Wirbel. Jetzt kommt sein Film „Igor. L’eroe romantico del calcio“ in die Kinos – und niemand traut sich, ihn für wahnsinnig zu halten.

Protti drehte bis zehn tage vor der diagnose

Die Kamera lief noch, als Protti selbst nicht wusste, dass sein Körper sich bereits aufgeben wollte. „Wir haben die letzte Einstellung gemacht, zehn Tage später kam das Urteil“, erzählt er dem Sky-Mikrofon mit der Stimme eines Mannes, der zwischen Chemotherapie und Morphium schwankt. Der Film ist kein Nachruf, sondern eine Kampfansage: Angefangen beim Jugendteam des Rimini, über 57 Serie-A-Tore bis zur letzten Partie gegen Juve, in der er seine Fußballschuhe auszog und sie wie ein Relikt in die Menge warf.

Dabei war Protti nie ein Talent. Arrigo Sacchi schickte ihn damals in die vierte Liga zurück: „Für dich reicht’s maximal für Serie C.“ Das erwähnt Protti noch heute mit einem Grinsen, das die Narben im Gesicht verzieht. „Sacchi hatte recht. Aber er unterschätzte, wie sehr ein Kerl aus Ravenna sich hasst, wenn man ihm sagt, wo seine Grenze sind.“

Die kurve schickte tausende nachrichten – und er antwortet mit schritten

Die kurve schickte tausende nachrichten – und er antwortet mit schritten

Die Whatsapp-Gruppe „Protti non mollare“ explodiert täglich. Livorno-Fans, Lecce-Fans, sogar ein paar Lazialen schicken Sprachmemos. „Sie sagen: ‚Zar, wir sind das 12. Mannschaftsteil, geh einfach weiter.‘“ Also geht er. Im Flur der Klinik in Lucca zählt das Pflegepersonal seine Schritte wie Tore: Vier heute, acht morgen. Die Physiotherapeutin nennt das Training „Rückbau des eigenen Körpers“, Protti nennt es „Rückrunde“.

Sein Buch „Bari, ti amo! Parola di zar“ lag vor der Operation auf Platz 3 der italienischen Bestsellerlisten. Die Lesung in Bari endete mit einem Stehenden Applaus von 45 Minuten – länger als seine längste Rotationszeit jemals auf dem Platz. Dort, in Apulien, erfand er den Spitznamen „Zar“, weil er sich in einem Land voller Fürsten nur mit Krone bewegen wollte.

Krebs ist kein abseits – aber er spielt weiter in der nachspielzeit

Krebs ist kein abseits – aber er spielt weiter in der nachspielzeit

Protti redet nicht über „den Kampf“ oder „die Bestie“ in seinem Körper. Er redet über Taktik. „Ich habe gelernt, dass Chemo wie ein guter Gegner ist: Er presst früh, will dich verrückt machen. Wenn du den Ball kurz hälst, gehst du kaputt. Wenn du sofort weiterpasst, lebst du.“ Seine Frau Daniela ist Co-Trainerin, seine beiden Töchter laufen die Statistik. Die Ärzte sagen: „Noch ein paar Monente, dann wissen wir, ob das Remis reicht.“

Der Film startet morgen. Protti wird nicht in den Sälen sitzen können – er hat Termine zur MRT-Kontrolle. Aber er hat einen Deal mit dem Verleih: Jede Vorstellung beginnt mit einem Video, das er gestern im Krankenzimmer aufnahm. Darauf steht er auf Gehhilfen, hält ein Trikot hoch und sagt: „Wenn ihr rausgeht, denkt nicht an das, was ich war. Denkt an das, was ihr sein könnt, wenn ihr nie aufhört, zu laufen.“

Die Kasse der Kinos in Livorno meldet bereits ausverkaufte Reihen für eine Woche. Die Fans planen ein Choreo. Und irgendwo zwischen den roten Fahnen und dem Geruch von Bier und Salzschmalz wird jemand stehen und sagen: „Der Zar lebt, weil wir für ihn schreien.“ Das ist keine Metapher. Das ist die Nachspielzeit, und der Schiedsrichter hat noch nicht abgepfiffen.