Holmenkollen-skandal: raimund verweigert sprung – „ich mach diesen scheiß nicht mit“
Der Wind schrie, die Schanze zitterte, und mitten im Toben stand Philipp Raimund, der Olympiasieger, mit gesenktem Blick. Er zog die Skier aus den Bindungen, wandte sich ab und sagte zu Domen Prevc: „Ich springe nicht. Ich mach diesen Scheiß hier nicht mit.“ Damit war der erste Durchgang des Weltcups am Holmenkollen vorbei – bevor er richtig begonnen hatte.
Die Jury hatte trotz Böen von über 70 km/h und wechselnden Windrichtungen den Wettkampf auf Sparflamme durchgezogen. Ergebnis: ein fragwürdiger Sieg für Tomofumi Naito, der sich seinen ersten World-Cup-Triumph unter Bedingungen holte, die eher an russisches Roulette erinnern als an Skispringen. „Da kannst du auch Lotto spielen“, kommentierte Sven Hannawald im ARD-Studio.
Sturzgefahr statt sport: die athleten zwischen ehrgeiz und angst
Kurz vor Raimunds Boykott hatte Felix Hoffmann noch mit einem Hechtsprung den Aufprall auf der kritischen Schanzenkante verhindert. Die Bilder gingen um die Welt: ein Sprung, der halb im Flug abbrach, ein Körper, der sich nach hinten bog, um die Katastrophe zu verhindern. Für Raimund war das der Moment, in dem er innerlich abdankete. „Ich bin freiwillig hier, ich will Spaß am Skispringen haben und muss mir dann nicht noch Sorgen machen, ob ich heil unten komme“, sagte er später.
Stefan Horngacher, Bundestrainer der deutschen Männer, stützte seinen Schützling sofort: „Es ist schwerer, runterzugehen, als runterzuspringen. Das ist für den Sportler viel schlimmer. Aber er hat sich dafür entschieden. Respekt.“
Die Folgen: Der Wettkampf wurde nach einem Durchgang abgebrochen, die Wertung blieb aber gültig. Karl Geiger als bester Deutscher auf Platz elf? Nebensache. Andreas Wellinger auf zwölf? Statistik. Die Diskussion über Sicherheitsstandards und Verantwortung der Veranstalter dominierte selbst in Norwegen die Schlagzeilen.

Frauen hatten glück im unglück – reisch kämpft mit rücken und wind
Zuvor hatten die Springerinnen unter weniger extremen, aber dennoch heiklen Bedingungen ihre Kürze absolviert. Agnes Reisch, seit Monaten mit Rückenproblemen in Behandlung, wurde Achte – eine Leistung, die angesichts ihrer Trainingsreduktion auf „nur noch Wettkämpfe“ fast schon als kleines Wunder gilt. „Ich springe tatsächlich nur die Wettkämpfe und kann zu Hause nichts mehr trainieren“, gestand die 26-Jährische. Der Sieg ging an Yuki Ito aus Japan.
Nächste Station: Vikersund. Dann fliegen die Männer auf der Großschanze, bevor Ende März in Planica die Saison mit den letzten zwei Fliegenwettkämpfen endet. Die Athleten haben zwei Wochen, um sich zu erholen – körperlich und psychisch. Denn der Eklat am Holmenkollen hat ein altes Problem wieder hochkochen lassen: Wer trägt die Verantwortung, wenn der Wind zu einem Gegner wird, der nicht fair kämpft, sondern nur zerstört?
Raimund wird wieder springen. Aber er wird nicht vergessen, was am Sonntag in Oslo passiert ist. Und er wird nicht mehr schweigen, wenn die Jury wieder einmal Lotto spielt – mit seinen Knochen.
