Hocke/kunkel ziehen nach olympia den nächsten punch: berliner wm-blackout kommt

70 000 Euro Saisonkosten, 10 000 Euro nur für Glitzer – und trotzdem rechnet sich keiner. Annika Hocke und Robert Kunkel fliegen heute nach Prag, wo am Montag die WM losgeht, und sie haben keinen Cent Luft nach oben. „Mehr als unser Bestes geben können wir nicht“, sagt Kunkel im rbb-Gespräch. Das klingt nach Kampfslogan, ist Fakt: Ohne Showauftritte in der Schweiz stünden sie jetzt in der Kreide.

Die versteckte abrechnung hinter dem olympischen traum

Die beiden haben in Mailand-Cortina Platz zehn geholt – besser als jedes deutsche Paar seit 2018. Doch die Prämie dafür reicht gerade für zwei neue Kostüme. „Wir mussten die Designs umschneidern, weil unsere Letztere plötzlich doppelt so viel Stoff verbrauchte“, erzählt Hocke. Die Jury will spektakuläre Lifts sehen, die Technik verlangt nach zusätzlichem Tuch – und der Preis pro Kleid explodiert. 5 000 Euro Minimum, zahlen vorab immer die Sportler. Der Deutsche Eislauf-Verband? „Zahlt später, wenn überhaupt“, sagt Kunkel knapp.

Die Rechnung kommt pünktlich zum Saisonende. Berlin als Bundesstützpunkt steht auf der Kippe, das Trainerteam um Ondrej Hotarek wartet auf Vertragszusagen. „Wenn Berlin fällt, müssen wir umziehen oder aufhören“, sagt Hocke. Das ist keine Drohung, sondern Mathematik. In Oberstdorf oder Dortmund sind die Eiszeiten teurer, die Hotels teurer, die Steuern höher. Kunkel: „Dann bleibt von 70 000 Euro schnell mal nichts für Physiotherapie.“

Die geheime kür-waffe, die keiner vorab sieht

Die geheime kür-waffe, die keiner vorab sieht

Deshalb liegt der Fokus jetzt auf Prag. Die WM ist ihr dritter Großevent in sechs Wochen – und ihre einzige Chance, sich selbst zu vermarkten. Sponsoren gucken auf Platzierungen, nicht auf Gefühle. „Wir haben die Kür umgebaut“, verrät Kunkel. Details? Keine. Nur so viel: „Es wird gegen Ende einen Moment geben, da glaubt das Stadion, wir würden fliegen.“ Die Jury soll keine Wahl haben, sie wollen die Klinge an die Kehle der Richter legen. Hocke: „Wenn wir sauber laufen, müssen sie uns vorne setzen. Punkt.“

Das klingt nach Revanche für Mailand-Cortina, wo sie sich – eigenes Urteil – unterwertet fühlten. Die Internationale Eislauf-Union hat das Bewertungssystem verschärft, technische Fehler werden härter bestraft. „Perfekt für uns“, sagt Kunkel. „Wir haben die sauberste Saison unserer Karriere hingelegt.“ Die Zahlen sprechen mit: 72 % saubere Elemente in der Kür, nur ein Sturz in 14 Wettkämpfen. Trotzdem landeten sie hinter zwei Paaren, die mehrfach fielen. Die Botschaft: Die WM soll die Statistik korrigieren.

Die show, die den sport retten soll

Die show, die den sport retten soll

Nach Prag geht’s direkt weiter – zu Galas in Leipzig und München. 15 000 Euro Gage pro Abritt, Verdoppelung durch Merchandise. „Das ist kein Spaß, das ist Überleben“, sagt Hocke. Die Shows finanzieren die Sommertrainingstage, die wiederum die Sprungtechnik verbessern. Ein Teufelskreis, der funktioniert, solange die Körper halten. „Wir schlafen in Busen, essen im Stehen, tapen die Knie zwischen den Zügen“, lacht Kunkel. Hocke ergänzt: „Und wir lieben jeden Meter.“

Ein einziger sauberer Lauf in Prag könnte die Sponsorenliste verlängern, den Verband dazu zwingen, Berlin zu halten, das Trainerteam zu sichern. „Wenn wir top sechs werden, ist alles offen“, sagt Kunkel. Die internationale Konkurrenz ist erschöpft, drei Top-Paare haben abgesagt. Die Chance ist real, die Rechnung auch. Hocke: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Zukunft.“

Um 19:42 Uhr Ortszeit beginnt ihre Kür in der O2 Arena. Dann entscheidet sich, ob Berlin weiterhin Eiskunstlauf-Hochburg bleibt – oder ob zwei Athleten ihre Karriere am selben Abend retten, an dem sie sie feiern wollen. Kunkel zuletzt: „Wir zahlen mit jedem Sprung unsere eigene Gehaltsliste. Wenn das kein Motivationsschub ist, was dann?“