Hertha zittert sich zum sieg: leitls dreikampf mit der eigenen mannschaft

Marten Winkler traf in der 93. Minute, das Preußen-Stadion bebte – aber nur auf der einen Seite. Hertha BSC gewinnt 2:1 in Münster und feiert den zweiten Sieg nach dem 2:5-Debakel in Paderborn. Die Berliner sind zurück in der Tabelle, doch der Platz sechs täuscht. Dahinter steckt ein Trainer, der sich selbst neu erfindet, und eine Mannschaft, die noch längst nicht angekommen ist.

Die psychologie des neuanfangs

Stefan Leitl spricht nach dem Spiel vom „Charaktertest“. Gemeint ist nicht nur das 2:5 in Paderborn, sondern die gesamte Saison. Der 48-Jährige musste in den Tagen nach der Klatsche nicht taktisch, sondern emotional aufräumen. Die Spieler wirkten gerädert, die Aufstiegsträume zerrissen. Leitl setzte auf Konfrontation: interne Hierarchien wurden aufgelöst, Leistung zum einzigen Maßstab. Michael Cuisance und Fabian Reese saßen plötzlich auf der Bank, der 18-jährige Boris Mamuzah Lum durfte ran – und lieferte.

Lum war es, der mit einem steilen Pass die Entscheidung einleitete. „Er fordert Bälle, er will spielen, er hat keine Angst“, sagt Leitl. Das ist genau das, wofür Hertha in dieser Saison kein Patentrezept hatte. Zu lange verließen sich die Berliner auf Einzelaktionen, zu selten auf kollektive Laufwege. Gegen Münster wiederholte sich das Muster: nur zwei echte Torchancen, beide durch Konter oder Standards. Die Mitte blieb leer, die Halbräume unbesetzt.

Die taktik-lücke, die keiner anspricht

Die taktik-lücke, die keiner anspricht

Hertha besitzt mit Josip Brekalo und Reese Außenspieler, die dribbeln können. Was ihr Spiel aber bräuchte, sind automatisierte Kombinationen, ein Plan B, wenn der Gegner nicht mehr nur über die Flügel zu packen ist. Gegen Münster war die Lösung: lange Bälle, zweite Bälle, Elfmeter. Es reichte – aber nur, weil Münster nach Rot mit zehn Mann spielte. Die erhoffte spielerische Entwicklung, die Leitl in Ingolstadt oder Fürth sichtbar machte, bleibt in Berlin ein Projekt.

Die Zahlen sind hart: Hertha erzielt nur 23 Prozent ihrer Tore nach Spielzügen durch die Mitte, liegt damit im unteren Drittel der Liga. Die Passquote in den letzten dritteln? 67 Prozent – schlechtester Wert seit fünf Spieltagen. Leitl nimmt es in Kauf. „Wir haben gezeigt, dass wir müde, aber willensstark sind“, sagt er. Das ist die neue Identität: nicht brillant, aber robust.

Die saison ist vorbei – das casting läuft

Die saison ist vorbei – das casting läuft

Mit 40 Punkten ist Hertha vorerst raus aus dem Abstiegskampf, aber auch raus aus dem Aufstiegsrennen. Acht Punkte Rückstand auf Platz drei, neun Spiele noch. Die Saison ist damit ein großes Probearbeiten geworden. Lum, Dudziak, Cuisance – alle bekommen Minuten, alle wissen: nächste Saison zählt wieder der sportliche Neuanfang. Der Klub plant mit reduziertem Etat, sportliche Leitung und Trainer müssen liefern. Wer jetzt überzeugt, sichert sich einen Stammplatz im Kader 2026/27.

Leitl selbst sitzt dabei nicht mehr so sicher wie vor Wochen. Die Siege gegen Nürnberg und Münster haben ihm Luft verschafft, aber die Art, wie sie zustande kamen, wird ihn nicht ruhen lassen. Er weiß: Hertha braucht nicht nur Siege, sondern ein Gesicht. Und das Gesicht wird erst dann sichtbar, wenn die Mannschaft nicht mehr nur zuletzt, sondern von Anfang an überzeugt. Bis dahin bleibt die Erkenntnis: Hertha kann gewinnen, wenn sie muss. Ob sie auch spielen kann, wenn sie darf – das ist die Frage, die die nächsten neun Spiele beantworten müssen.