Hertha entfesselt: der späte rausch, der die saison bloßstellt
5:2 in Düsseldorf – ein Torreigen, der Herthaner Herzen höher schlagen lässt und zugleich wehtut. Denn das Spektakel wirft einen schmerzhaften Spot auf das, was in dieser Saison hätte sein können.
Der moment, als der druck fiel
Stefan Leitl hatte die Aufstiegsmission nach der 2:5-Klatsche gegen Paderborn öffentlich abgeschrieben – und plötzlich spielt Hertha wie entfesselt. Seitdem: zwei Siege, sieben Tore, null Niederlagen. Das Phänomen ist nicht neu: Die Berliner funktionieren nur, wenn niemand von ihnen erwartet, dass sie funktionieren. Der Gästeblock in Düsseldorf feierte sich und sein Team bis in die Nacht, doch die Euphorie hat einen bitteren Nachgeschmack: Diese Leichtigkeit kam zu spät.
Fabian Reese erlebte seine Auferstehung. Dreimal direkt beteiligt an den Toren, ein Lupfer wie aus dem Lehrbuch, ein Flachschuss wie ein Exempel. Der Kapitän, zuletzt als Teil des Problems gebrandmarkt, wurde zur Antwort – nur eben auf eine Frage, die niemand mehr stellt. „Weniger reden, einfach gewinnen“, sagte er nach Abpfiff. So einfach ist die Formel, so kompliziert war das Jahr.

Die defensive, die keiner mehr sehen wollte
Niklas Kolbe verlor das erste Zweikampf-Duell, Fortuna ging 1:0 in Führung, und schon wollten viele die zweite Halbzeit überspringen. Dann drehte Brekalo am Zehner auf, Sessa dirigierte das Umschaltspiel, Kownacki und Schuler trafen – plötzlich lief alles zusammen, was die gesamte Rückrunde vermissen ließ. Die Berliner spielten, als gäbe es kein Morgen, weil es keines mehr gibt.
Die Logik ist gnadenlos: Hätte Hertha nur dreimal in dieser Tonlage aufgetreten, stände sie jetzt auf einem Aufstiegsplatz. Stattdessen sind es 13 Punkte Rückstand auf Platz drei. Die Saison ist die Geschichte einer Dauerblockade, die kurz vor Schluss in einen kurzen, heftigen Adrenalinschub umschlägt – zu spät, um noch etwas zu retten, zu spät, um die eigene Blöße zu bedecken.

Was bleibt, ist eine leerstelle
Leitl spricht von „Realismus“, Reese von „Punkte sammeln“. Beide wissen: Der nächste Rückschlag kommt, sobald die Tabelle wieder eng wird. Hertha ist ein Klub, der seine beste Form findet, wenn nichts mehr zu verlieren ist. Das ist kein Sport, das ist Psychologie – und die ist diesmal auf dem Feld verloren gegangen.
Am Sonntagabend skandierten die Anhänger „Aufstieg!“ bis die Stimmen rissen. Die Spieler winkte man zwar zurück, aber mit dem Gesichtsausdruck von Leuten, die wissen, dass sie gerade nur ein Trostpreis sind. Die Saison endet wie sie begann: mit einem Vorspiegelung, die keiner mehr glaubt.
