Havertz trifft spät, aber er trägt das finale schon im kopf

Kai Havertz schlug die Hände vors Gesicht, ließ sie dann in die Nacht sinken und spürte, wie der Regen von Lissabon seine Frisur zerzauste. 90.+1, Aufsteiger von der Bank, Nasenbluten vom Luftkampf, Schlusspfiff, Auswärtssieg – das ist die Kurzfassung. Die lange Version beginnt mit einem Blick auf den Kalender: noch sieben Wochen, drei Wettbewerbe, ein Verein, der nie einen europäischen Pokal gewann.

Arsenal schlägt Sporting 1:0 im Viertelfinal-Hinspiel, aber der Deutsche, der den Ball über die Linie drückte, spricht sofort vom „nächsten Job“. Kein Jubel-Tweet, keine Selfie-Welle, nur das trockene: „Wir haben in der kommenden Woche noch viel Arbeit vor uns.“ Für einen, der in Chelsea schon das Champions-League-Tor schoss, wirkt diese Gelassenheit fast skurril. Es ist dieselse Gelassenheit, die Mikel Arteta liebt – und die ihm in der heißen Phase den Verstand retten kann.

Die zahlen, die hinter dem späten treffer stecken

Havertz‘ Tor war sein fünftes nach Einwechslung in dieser Saison, kein Arsenal-Spieler traf öfter als Joker. Die xG der Partie: 0,9 für Sporting, 1,3 für Arsenal – ein Auswärtsspiel, in dem die Gunners dominieren wollten, aber lange nur verwalteten. Dann kam die 70. Minute, Havertz ersetzte Trossard, lief 19 Mal in den Strafraum, gewann 6 von 8 Kopfbällen und spielte 12 Pässe in die Spitze. Die Statistik klingt nach Mittelstürmer, doch er stand meist als falsche Neun zwischen den Linien. Die eine Szene, die zählt, war ein klassischer Stößer: White flankt, Havertz verlängert, der Ball kullert durch die Beine von Coates und Neto – 1:0. Das Stadion verstummt, außer dem blockartigen Arsenal-Fan-Sektor, der „Kai, oho!“ skandiert.

Die Antwort des Portugiesen folgt sofort: Einwurf, Flanke, Edwards-Kopfball – knapp drüber. 0:1 steht, und plötzlich wirkt selbst das Pressing von Rúben Amorim planlos. Arsenal wechselt auf Zeitmodus, Partey räumt mit Gelb, Ramsdale zieht sich beim Abstoß die Sekunden raus. Der Referee pfeift ab, und Arteta rennt direkt zu Havertz, umarmt ihn, schreit ihm etwas ins Ohr. Man muss kein Lippenleser sein, um „Big player for big moments“ zu erraten.

Vom fa-cup-desaster zur auferstehung in drei tagen

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Samstag war Arsenal in Southampton gedemütigt worden, 0:3, Zweitliga-Abwehr, keine Antwort. Die Sozialmedien forderten Rotation, einige Fans gar den Verkauf von „Saliba plus Xhaka“-Memes. Drei Tage später steht derselbe Kader in Lissabon, spielt mit drei Halbstürmern und lässt Sporting laufen. Was war die Zauberformel? Eine Mischung aus Wut und Selbstschutz. Arteta stellte auf 4-2-3-1 um, ließ Ødegaard frei zwischen den Linien und gab Rice die Lizenz, alle zweiten Bälle abzuräumen. Das Ergebnis: Sporting kam nur zu einem Torschuss aus dem Spiel heraus – in 45 Minuten.

Havertz war Teil dieses Plans, auch wenn er erst zur Stunde kam. „Wir wollten den Gegner bis zum Ende offen halten, dann komme ich und nutze die Räume“, sagt er. Klingt einfach, ist aber die Essenz moderner Champions-League-Taktik: Letzte 20 Minuten Verteidiger müde, Mittelstürmer frisch, Raum in der Box. Havertz‘ Laufleistung in der Nachspielzeit: 2,3 km – mehr als jeder andere Spieler auf dem Platz in diesem Zeitfenster.

15. April, emirates, 21 uhr – das rückspiel entscheidet den traum

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Arsenal führt 1:0, aber die Geschichte der Gunners in K.-o.-Spielen ist voller Warnungen: 2006 Finale, 2009 Viertelfinale gegen ManUnited, 2011 Liga-Cup-Desaster gegen Birmingham. Havertz kennt beide Seiten, er schoss Chelsea 2021 das Finale gegen ManCity. „Ich weiß, wie schnell sich die Stimmung dreht“, sagt er. Die Quotenbuchmacher sehen Arsenal trotz des knappen Vorsprungs mit 67 % Wahrscheinlichkeit im Halbfinale. Die Statistik spricht für sie: In 14 der letzten 15 Fälle kam ein Team mit Auswärtssieg im Hinspiel weiter. Die Ausnahme: Barcelona 2018 gegen Roma, 4:1, dann 0:3.

Für Havertz geht es um mehr als das Halbfinale. Er könnte der erste Deutsche seit Gündoğan 2023 werden, der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren das Finale bestreitet – nur diesmal im Trikot von Arsenal. Sein Vertrag läuft 2028, das Gehalt soll auf 18 Mio Euro steigen, wenn er 50 Pflichtspiele pro Saison erreicht. Die Klausel ist fast erreicht, die Leistung steigt, die Verletzungspech-Serie endet. Die Botschaft an die Konkurrenz: Er ist nicht mehr der teure Zweifel, sondern der Joker mit Führerschein für große Nächte.

Am Dienstag fliegt die Mannschaft zurück nach London, am Mittwoch Training in Colney. Donnerstag Laktattest, Freitag Videoanalyse. Samstag Liga gegen Brighton, dann Dienstag das Rückspiel. „Wir haben keine Atempause, aber wir wollen auch keine“, sagt Havertz. Und mit jedem Satz wird klar: Der Jubel in Lissabon war nur eine Halbzeitpause in einem Marathon, der am 15. Juni im Atatürk-Stadion enden könnte. Wer dann noch trifft, darf sich endlich die Haare wuscheln – und zwar mit Trophäe im Arm.