Havertz schlägt ausgerechnet in leverkusen zu – spät, eiskalt, unmissverständlich

Sechs Jahre nach seinem Abschied trat Kai Havertz am Mittwochabend wieder auf den Rasen der BayArena – und brach den Fans mit einem einzigen Schritt das Herz. Der Nationalspieler verwandelte in der 89. Minute einen umstrittenen Elfmeter zum 1:1 für Arsenal, nachdem Bayer Leverkusen durch Robert Andrich lange Zeit auf dem Weg zum Heimsieg schien.

Der verlorene sohn kehrt als henker zurück

Havertz hatte die vergangenen Monate mit Verletzungen verloren, saß zunächst nur auf der Bank. Doch als Mikel Arteta ihn in der 72. Minute einwechselte, wusste der Spanier, wen er schickt: einen Spieler, der dieses Stadion besser kennt als jeder andere Gegner. „Ich habe hier unzählige Male trainiert, weiß, wie der Ball springt, wie die Mauer pfeift“, sagte Havertz später, ohne ein Grinsen zu unterdrücken. Die Schlussphase nahm dann jene Wendung, die Drehbuchautoren für zu platt halten würden: ein Foul an Trossard, ein Pfiff, ein Moment Stille – und dann trat Havertz an.

Die Laufzeit zwischen Pfiff und Schlag betrug keine fünf Sekunden, für Leverkusen fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Havertz verzögerte, schickte Hrádecký in die falsche Ecke, jagte das Leder unter die Latte. Ausgerechnet er. Ausgerechnet hier. Die Nordtribüne, die ihn einst als ihren jungen Kaiser gefeiert hatte, brach in gespaltenes Gemurmel aus; ein halbes Jahrhundert Bundesliga-Chronik bietet kaum einen Moment voller Ironie.

Arteta nennt es „skript für hollywood“, alonso zuckt nur mit den schultern

Arteta nennt es „skript für hollywood“, alonso zuckt nur mit den schultern

Mikael Arteta atmete sichtbar durch, als der Ball im Netz zappelte. „Der Fußball schreibt verrückte Geschichten, aber das hier ist ein Drehbuch, das selbst Netflix ablehnen würde, weil es zu unrealistisch ist“, sagte der Arsenal-Coach. Auf der Gegenseite blieb Xabi Alonso die Fassung wahrend der Pressekonferenz nur, weil er sie geübt hat. „Wir haben 89 Minuten das Spiel kontrolliert, dann bestraft uns eine einzelne Aktion. Das tut weh, aber es steht noch 90 Minuten aus.“

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Leverkusen schoss mehr Tore, hatte mehr Ballbesitz, verpasste aber die zweite Großchance durch Hložek und Wirtz. Arsenal konterte mit einem einzigen Schuss aufs Tor – und traf. Die Expected-Goals-Bilanz (0,9 zu 0,8) zeigt, wie knapp solche Nächte sein können. Für Havertz persönlich war es der vierte Europapokal-Treffer dieser Saison, obwohl er erst 248 Minuten auf dem Platz stand. Effizienz, die ihresgleichen sucht.

Die rechnung kommt schon am dienstag

Die rechnung kommt schon am dienstag

Nächste Woche empfängt Arsenal in der Emirates, wo die Gunners seit zwölf europäischen Heimspielen ungeschlagen sind. Leverkusen muss ohne den gesperrten Andrich auskommen, dafür kehrt Piero Hincapié zurück. Die Ausgangslage ist klar: ein Tor reicht den Rheinländern, doch die Psychologie spricht für die Londoner. „Wir haben unsere Fans, wir haben die Erfahrung, wir haben nichts zu verlieren“, sagte Havertz, der nach dem Abpfiff noch einige Minuten vor der Südtribüne verharrte, bevor ihn die Ordner in den Katakomben verschwinden ließen.

Dass er dabei war, ist kein Zufall. Wer lange genug im Profifußball unterwegs ist, weiß: irgendwann holt dich deine Vergangenheit ein. Bei Kai Havertz geschah das mit dem kältesten Blut, das die Champions League in dieser Runde gesehen hat. Leverkusen mag noch träumen, doch der Traum hat jetzt ein Arsenal-Logo darauf. Und ein Gesicht – das des eigenen ehemaligen Lieblingssohns.