Hattersheim: tim jueterbock schlägt 35-meter-bombe – das tor des jahres mit tränen statt jubel

Ein Schritt zurück, ein Atemzug, ein Schlag – und die Kugel fliegt 35 Meter, rasiert die Latte, zappelt zum 2:0. Für Tim Jueterbock war es nur ein Impuls, für FuPa.net war es Kunst. Der 20-Jährige aus Hattersheim gewinnt das Voting zum Amateur-Tor des Jahres 2025 und kassiert 100 Liter Freibier. Doch das Glas wird halb leer bleiben, denn der erste Schluck gehört seinem Vater – am Tag dessen letztem Geburtstag.

Der tag, an dem ein sohn den himmel traf

Ende März 2025, Kreisliga C, DJK Hattersheim gegen BSC Altenhain. Jueterbock steht halblinks vor dem Strafraum, sieht die Mauer, sieht nichts zu verlieren. „Ich hab nur gedacht: Jetzt oder nie“, sagt er. Der Ball steigt, fällt, trifft – und der Kommentator auf dem Vereins-YouTube-Kanal brüllt sich heiser. Francesco Casaluci, Trainer der DJK, schaut sich die Szene später im Loop an: „Die Flugkurve ist Oberliga-Niveau. So etwas schlägst du nicht einfach mal hin.“

25 Konkurrenten, 14 Tage Voting, 42 Prozent Stimmenanteil – Jueterbock lästtalentierter YouTuber, sondern ein Mittelfeldspieler, der seit der Jugend Freistöße studiert. „Ich schaue mir an, wie der Ball auf dem Rasen aufsetzt, wie der Wind steht, wo der Torwart steht. Dann kommt nur noch Instinkt“, erklärt er. Die Technik? Innenrist, leichte Außenrotation, 73 km/h Endgeschwindigkeit. Der Blick aus der Luftlinie: ein halber Mond, der genau im Winkel landet.

Trauer statt torjubel – der grund, warum er nicht lacht

Trauer statt torjubel – der grund, warum er nicht lacht

Die Siegerehrung findet im Vereinsheim statt, aber Jueterbock trägt Krawatte statt Kapuze. Sein Vater Michael verstarb vier Monate nach dem Spiel an den Folgen eines Herzinfarkts. „Papa hat an diesem Tag extra die IV-Infusion mit ins Stadion genommen, damit er mich sehen kann“, sagt er leise. Die Bilder zeigen einen Mann mit Sauerstoffbrille, der sich trotzdem die Daumen hochreckt. „Ich hab ihm das Tor gewidmet. Er wusste, dass ich es kann.“

Die DJK plant nun ein Vereinsfest mit 200 Litern Bier – doppelt so viel wie ursprünglich versprochen. Die Brauerei aus Mainz spendiert das Fass, der Bürgermeister übernimmt die Moderation. Doch Jueterbock wird nur einen kurzen Toast halten: „Zum Wohl des Vaters, zum Wohl des Sports.“

Tv-termin mit matthäus? „ich nehme den ball mit“

Tv-termin mit matthäus? „ich nehme den ball mit“

Das Aktuelle Sportstudio lädt ihn ein, sechs Versuche auf die Torwand, Gegner noch offen. Jueterbocks Wunschgegner: Lothar Matthäus. „Wenn er nicht kann, nehme ich auch Uwe Bindewald“, scherzt er. Die Produktion will die 35-Meter-Distanz originalgetreu nachstellen, doch Jueterbock lacht: „Ich schieße lieber aus dem Studio – dann treffe ich vielleicht das Mikro von Michael Steinbrecher.“

Bis dahin trainiert er zweimal die Woche, studiert Videos von Lionel Messis Knuckleballs, liest an Wochenenden mit seiner Mutter im Garten. „Sie sagt, ich solle nicht zu sehr auf den Ruhm schielen. Aber ein Foto von Papa mit dem Pokal steht schon auf dem Kaminsims.“

Die Saison läuft, Hattersheim steht in der Kreisliga B auf Aufstiegskurs. Jueterbock hat bereits vier Tore geschossen, keines kam an den Märzhammer heran. „Es ist okay“, sagt er. „Manchmal reicht ein einziger Schuss, um für immer im Gedächtnis zu bleiben.“ Die Uhr am Hauptfeld zeigt 15:30 Uhr, das Tor steht noch. Und irgendwo droben sitzt ein Vater und lüftet stolz die Kappe.