Handball360 startet durch: 500 piloten testen das neue dhb-zentralnervensystem
Seit Anfang März jagt ein spanischer IT-Experte durch die DHB-Geschäftsstelle, während 500 Tester auf der grünen Wiese Handball-Deutschlands neues digitales Rückgrat auf Fehler absuchen. Der Arbeitstitel Handball360 soll ab Sommer 2026 alle 600.000 Lizenzspieler, Vereine und Verbände in einem System vereinen – ein Unterfangen, das selbst Optimisten nervös macht.
Datenmigration, demo-days und deadline-druck
Clemente Sierra, Mitgesellschafter der spanischen Software-Schmiede Toools, räumt ein: „Deutscher Handball verlangt Dinge, die wir in Spanien nicht kennen.“ Die Rede ist von Doppelspieltagen, Kreisligen und einer Passverwaltung, die sich seit Jahrzehnten in 21 Landesverbänden verzweigt. Nun fließen diese Flickwerke in ein einziges Tool. Die erste Datenmigration aus dem alten iSquad-System ist kurz vor dem Abschluss, doch die eigentliche Herausforderung beginnt erst: Jede Fehlmeldung der 500 Piloten muss innerhalb von 48 Stunden behoben werden, damit der Testlauf nicht versandet.
Quentin Münch, Projektmanager bei der DHB-Bundesgeschäftsstelle, nennt das „Learning by Testing auf deutschem Niveau“. Die Piloten – Auswahlspieler, Vereinsverwalter, Schiedsrichterobmänner – bekommen Online-Kurse, Videos und ein Support-Ticket-System, das angeblich schlauer wird, je mehr Fragen es beantwortet. Laut interner Statistik gingen in der ersten Woche über 1.200 Kommentare ein, 70 % davon drehten sich um die Frage, warum gerade ihr altes Passfoto nicht übernommen wurde.

Der bundesrat entscheidet – und die vereine schrubben ihre listen
Am 28. März tagt der Bundesrat; dort fällt die endgültige Entscheidung über den Saisonstart 2026/27 mit Handball360. Parallel dazu laufen die Demo-Days für Präsidenten und Geschäftsführer der Länder. Dr. Klaus Berding, Vorstand Finanzen und Recht, spricht schon vom „anstrengendsten Sommer seit der Euro-Einführung“. Was er meint: Bis August müssen 2.300 Vereine ihre Mitgliederlisten säubern, Fotos in 300-dpi-Qualität liefern und E-Mail-Adressen aktualisieren, die teilweise noch auf „t-online.de“ enden.
Die neue Handball-ID wird zum Zündstoff. Jede Funktionärin, jeder Spieler, jeder Schiedsrichter muss sich neu registrieren – ein Klick, der für den Einzelnen fünf Minuten dauert, für größere Vereine aber mehrere Tage Akkordarbeit bedeutet. Matthias Lahr, Leiter Digitales Marketing, warnt: „Wer jetzt denkt ‚mach ich im Sommer‘, hat verloren.“ Die DHB-Server erwarten nach der Finalisierung 150.000 gleichzeitige Zugriffe – Last-Test ist bereits gebucht, das Rechenzentrum in Frankfurt bereitet Warmwasser-Kühlanlagen vor.
Clemente Sierra schläft zwischenzeitlich im Büro, wie DHB-Mitarbeiter berichten. Er habe einen Koffer voller Energieriegel und einen zweiten Monitor, auf dem die Fehler-Matrix läuft. „Wir sind sehr stolz, für den DHB zu arbeiten“, sagt er, „aber der Stolz kostet mich jeden Abend zwei Stunden Schlaf.“ Die spanische Toools-Crew hat bis Oktober 50 Personen in Deutschland stationiert – so viele Mitarbeiter wie noch nie bei einem Auslandsprojekt.
Am Ende dieses Sommers wird sich zeigen, ob Handball360 die versprochene 360-Grad-Sicht auf deutschen Handball liefert oder nur ein teures Monstrum wird, das alle hassen. Die erste Bewährungsprobe steigt bereits im August, wenn die Kreisligaleiter versuchen, ihre Spielpläne mit drei Klicks zu erstellen – statt mit 15 Excel-Tabellen und einem Faxgerät. Scheitert das Projekt, droht der DHB ein Schadenersatz-Marathon, der sich nach Berding-Worten „leicht im siebenstelligen Bereich bewegen könnte“. Klingt nach Handball, nur ohne Tore und mit offenem Ende.
