Hancko, gauff, curry: sie alle zweifeln an sich – der goldrausch der sportler
David Hancko stand vor Sergio Ramos und hatte keinen Plan. „Wo bin ich hier?“, flüsterte er sich selbst zu, mitten im Stadion voller Galácticos. Tage später hält er in Bratislava die Trophäe zum slowakischen Spieler des Jahres 2025 – und fühlt sich wie ein Betrüger.
Der Ball lugt nicht. Das sagt sich auch Coco Gauff, wenn sie vor dem Aufschlag den Blick über die Tribüne schweifen lässt. Rang vier der Welt, zwei Grand-Slam-Titel, aber ihr Inneres liefert das Gegenbild: „Manchmal glaube ich einfach nicht, dass ich gut bin.“
Millimeter zwischen erfolg und selbstzerfleischung
Der Begriff „Imposter Syndrome“ schwappt seit Jahren durch Chefetagen, nun erobert er die Kabinen. Cristina Bushell, Psychologin und Leiterin des gleichnamigen Instituts, kennt die Muster: „Die Leute applaudieren, aber du denkst, sie haben sich verappert.“ Michael Jordan pflegte nach Niederlagen Videobänder zu schnüren, in denen er ausschließlich seine Fehler sichtete. Michael Phelps, 28 Olympia-Medaillen, quälte sich mit Selbstzerstörungstabellen. Serena Williams schlief vor Finals mit Kopfhörern, die sie vor eigenen Gedanken abschirmen sollten.
Der Sport liefert das perfekte Laborklima: Ergebnisse liegen offen, jede Sekunde wird gemessen, Fehler werden in Slow Motion wiederholt. „Die Athleten erfinden sich ihren Richter im Kopf – und verlieren fast immer“, sagt José Carrascosa, Sportpsychologe bei ‚Saber competir‘. Perfektionist, Workaholic, vermeintliches Naturtalent oder Einzelkämpfer: Die Typologien klingen wie Startlöcher, aber sie sind Fallgruben.
Die Symptomatik ist lautlos: Gedankenkreise, Schlafstörungen, schleichende Freudlosigkeit. „Ich war nicht einmal glücklich“, sagte die französische Weitspringerin Hilary Kpatcha, nachdem sie die Siebenmeter-Marke übersprungen hatte. Statt Jubel folgte Frage: „Wie zur Hölle habe ich das gemacht?“

Training für das selbstwertgefühl
Die gute Nachricht: Das Hirn lässt sich umprogrammieren. Bushell nutzt Achtsamkeitsübungen, Carrascosa setzt auf kognitive Umleitung: „Erfolg muss intern verankert werden – ‚Ich habe es geschafft, weil ich es kann‘, nicht ‚weil der Gegner schlecht war oder das Wetter passte.‘“ Mentoring, Peer-Groups, Atemtechnik – alles Tools, doch der erste Schritt bleibt das Eingestehen. „Wer den Schalter findet, gewinnt nicht nur Titel, sondern sich selbst“, sagt Bushell.
Die Quote ist hoch: 70 Prozent der Leistungssportler berichten laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln von wiederkehrenden Selbstzweifeln. Die Dunkelziffer dürfte noch größer sein – schließlich gelten Zweifel in der Leistungswelt als Schwäche.
David Hancko wird also weiter den Rasen betreten, Coco Gauff den nächsten Aufschlag schmettern, Stephen Curry den nächsten Dreier nehmen – und alle drei werden sich wieder fragen: „Bin ich das wirklich?“ Die Antwort lautet Ja. Nur müssen sie es sich selbst beweisen, nicht den Zuschauern. Der Sieg über das innere Tribunal zählt mehr als jeder Pokal. Wer das kapiert, spielt auf Zeitlosigkeit statt auf Bewährung.
