Guardiola erklärt niederlagen zum sportprinzip – city jenseits von sieg oder fall
Manchester – Ein 0:3 auswärts, ein Rückspiel auf Messers Schneide, und Pep Guardiola predigt vor 72 000 Zuhörern im Etihad, was sonst nur Philosophen in Hörsälen raunen: „Scheitern gibt es nur, wenn du selbst glaubst, dass du versagt hast.“
Die quadratur der fußballwelt
Die Rechnung ist simpel, brutal unlösbar: Vier Tore schießen, keines kassieren. Doch der Coach, der in Barcelona und München schon alles gewann, dreht den Blick nach innen. „Wir haben schon dreimal das Achtelfinale verloren, ohne je zu glauben, dass wir gescheitert sind“, sagt er und wischt mit einer Handbewegung die Trophäenstaubwolken vom Tisch. Die Statistik? Der FC Barcelona gewann vier Champions-League-Titel, verlor aber 27 K.o.-Spiele. Real Madrid holte 15 Henkelpott, blieb in 29 Jahren leer. „Sind das alles Versager?“, fragt Guardiola und beantwortet die Frage selbst mit einem knappen Kopfschütteln.
Der Vergleich mit Giannis Antetokounmpo liegt ihm auf der Zunge. Der Basketball-Superstar hatte nach einem Play-off-Aus die Mikrofone wütend beiseite gestossen: „Du fragst mich, ob das ein Misserfolg ist? Habt ihr je einen Sportler gesehen, der nur gewinnt?“ Guardiola zitiert das Wort für Wort, weil es seinem Mantra entspricht: Leistung misst sich nicht nur im Ergebnis, sondern im Aufwand. Und der Aufwand war gigantisch: 112 Tore in dieser Saison, 67 Prozent Ballbesitz, ein Budget von 900 Millionen Euro – und dennoch steht die Mannschaft mit dem Rücken an der Wand.

Die große erzählung jenseits des ergebnisses
Er erzählt von der „Quinta del Buitre“, Madrids Heiligen aus den 80ern, die nie die Europapokal-Sieger-Trophäe hob, aber ein ganzes Land veränderte. „Die haben Spanien beigebracht, wie man Fußball spielt. Und niemand nennt sie Versager.“ Dann fährt er herum, spricht direkt in die Kameras: „Wenn wir morgen rausfliegen, werden die Schlagzeilen wieder ‚City-Chaos‘ schreien. Aber ich frage euch: Wer entscheidet, was Erfolg ist? Ihr oder wir, die ihn jeden Tag auf dem Platz erleben?“
Die Spieler nicken. Kevin De Bruyne hatte vor der Presse versprochen, „mit offenem Visier“ zu reiten. Der belgische Regisseur weiß: Ein 4:0 wäre kein Rekord, aber ein Statement. Doch selbst das würde Guardiola nicht als „Befreiung“ werten. „Der Druck kommt von außen, nicht vom Feld“, sagt er und deutet auf das Trainingsgelände, wo die Jugendspieler gerade ihre T-Shirts aufhängen. „Die Jungs dort unten kicken für fünf Pfund die Woche. Die haben verstanden, worum es geht: Liebe zum Spiel, Respekt vor dem Gegner, Akzeptanz des Ergebnisses.“
Morgen um 21 Uhr wird der Ball rollen. Wenn City scheidet, wird Guardiola nicht den Kopf hängen. Er wird die Hand seiner Spieler schütteln, zum Referee gehen, sich verneigen – und am Freitag wieder trainieren. „Weil das Leben weitermacht. Und weil der nächste Gegner wartet.“ Dann zitiert er sich selbst, halblaut, fast wie ein Gebet: „Wer nie verliert, hat nie richtig gekämpft.“ Die Journalisten starren auf ihre Handys, vergessen für Sekunden die Tweet-Zeichen. In diesem Moment ist klar: Für Guardiola ist das Spiel schon gewonnen – irgendwo zwischen Anpfiff und Abpfiff, jenseits von 0:3 oder 4:0.
