Gravina wehrt sich: „ich bin kein sündenbock – mein rücktritt war ein akt der würde“
Gabriele Gravina schlägtzurück. Knapp drei Wochen nach seinem Rücktritt als Präsident des italienischen Fußballverbandes (FIGC) bricht der 71-Jährige sein Schweigen – und liefert sich in Lilli Grubers Talk „Otto e mezzo“ ein rhetorisches Kopf-an-Kopf-Rennen mit der italienischen Politik, den Medien und jenem Teil des Landes, der ihm den WM-Flop vorwirft.
„Niemand hat mich gezwungen – ich ging freiwillig“
Die These, er sei unter Druck der Regierung oder der Liga-Fraktionen geflohen, wischt Gravina mit einer Handbewegung beiseite. „Ich habe mein Versprechen an die Tifosi gebrochen: nach Katar fahren. Wer das tut, muss die Konsequenzen ziehen.“ Die Entscheidung sei „reif, rational und unumkehrbar“ gewesen – kein Kniefall vor Palazzo Chigi, sondern ein Akt der Selbstachtung. Dabei habe er die „hysterischen Reflexe“ im Parlament gespürt: „Jeder wollte sofort einen Kommissar, einen Staatsakt, ein Schuldbekenntnis. Ich habe verhindert, dass die FIGC zum Schauplatz von Machtspielen wird.“
Die Drohung eines Commissariamento, also der zwangsweisen Verwaltung durch die Politik, nennt Gravina „verfassungswidrig“. Er zitiert UEFA-Statuten, FIFA-Briefe, europäische Gerichtsurteile – und schickt damit eine Warnung nach Rom: „Wer den Sport enteignen will, bricht das Prinzip der Autonomie. Das endet im institutionellen GAU.“

Der europacup als schutzschild – und lotito als faustpfand
Stolz schiebt er die Brille hoch: „Unsere Akademien, unsere Grassroots-Programme, unsere Frauen-Nationalmannschaften gelten als Blaupause für ganz Europa.“ Die Zahlen sprechen für ihn: 14 Cent für jeden investierten Euro fließen zurück in den Amateurbereich, mehr als jeder andere Top-Verband. „Wenn das Scheitern ist, will ich wissen, was Erfolg bedeutet.“
Dann zielt er auf Claudio Lotito. Der Lazio-Boss sitzt im Kulturkommission des Senats und fordert neue Fußballgesetze. „Ein Klubpräsident, 20 Jahre im Bundesrat, jetzt plötzlich Moralapostel?“ Gravina schnaubt. „Er spricht vom ‚vincolo sportivo‘, den ‚dieselbe Regierung abgeschafft hat‘. Entweder er weiß es nicht – oder er hofft, wir merken es nicht.“

Ripescaggio? „eine schönfärberei auf kosten der fans“
Das Gerücht, Italien könne als Ersatz für Russland noch nach Katar eingelocht werden, empört ihn am meisten. „Wir verhandeln mit der Leidenschaft von 60 Millionen Menschen. Das ist nicht fantasievoll, das ist zynisch.“ Gattuso habe die richtige Wahl gewesen: „Er hätte den Jungs die Maglia wieder schwer gemacht. Leider hat der Ball nicht mitgemacht.“
Am Ende bleibt ein Mann, der sich selbst nicht als Martyrer sieht, aber auch nicht als Versager. „Ich mache keine Wahlkampfhilfe für Malagò oder Abete. Ich werde keine Partei betreten. Meine einzige Kandidatur gilt dem italienischen Fußball – und der bleibt autonom oder er bleibt gar nicht.“
Die Sendung ist vorbei, die Kameras aus. Gravina steht auf, zieht die Jackettkragen hoch. Draußen wartet ein Land, das sich fragt, ob seine Fußball-Krise wirklich eine Führungskrise ist – oder ein System, das endlich erwachsen werden muss. Die Antwort hat er bereits geliefert: „Wer die Vergangenheit beschuldigt, verliert die Zukunft. Ich habe beide im Blick.“
