Hantavirus-alarm auf kreuzfahrt: experte warnt vor neuer andes-mutante
Ein Kreuzfahrtschiff legt
an, die Sonne über Teneriffa scheint – und mit ihm klettert eine neue Angst an Land. Der MV Hondius bringt möglicherweise die bisher unheimlichste Variante des Hantavirus nach Europa: die Andes-Zoonose, die sich von Mensch zu Mensch weitergeben kann. Virologe Antonio López Guerrero schaltete sich live in die spanische Morgensendung „En boca de todos“ und schickte eine klare Botschaft mit an die Urlauber-Insel: „Wir sind für diesen Erreger noch ein frisches Fressen.“Warum die andes-variante anders tickt
Bisher galt Hantavirus als reines Nagetier-Problem. Man atmet getrocknete Mäuseurin ein, wird krank, aber weitergeben kann man es nicht. Die Andes-Cepa bricht dieses Prinzip. „Sie springt von Person zu Person, wenn Dauer- und Intimkontakt herrschen“, erklärte López Guerrero. Die Infektionskette startet nicht in der Kabine, sondern vermutlich auf einer Exkursion in die argentinische Patagonia. Dort suchten Touristen dieselbe verschlossene Hütte, atmeten denselben Staub, trugen dieselben Spuren aus Mauskot nach draußen. „Alle Fälle an Bord können dieselbe Quelle haben – das wäre das beste Szenario, denn dann ist die Kette gestoppt, sobald die Quelle weg ist“, so der Experte.
Doch die Angst bleibt. Die Inkubationszeit beträgt bis zu zwei Wochen. In dieser Phase ist niemand ansteckend, aber auch noch nicht positiv testbar. „PCR und Antikörper bleiben zunächst negativ. Erst nach sieben, vierzehn Tagen schlägt der Test an – und dann kann der Kranke andere anhusten“, warnt López Guerrero. Die Frage, wann eine Quarantäne beginnt, beantwortet niemand. „Bei negativer PCR und negativer Serologie sind sie raus – vorerst“, sagt er und hinterlässt ein betontes „vorerst“.

Patagonien als zuchtbecken für mutanten
Die Andes-Region ist ein Hotspot für Hantaviren. Langschwänzige Mäuse, Oligoryzomys longicaudatus, tragen das Virus seit Jahrtausenden. Doch Klimaerwärmung und Tourismus drängen Nagetiere und Menschen enger zusammen. „Viren wollen nur eins: neue Wirte finden. Und wir sind ein brandneuer Wirt“, erklärt der Virologe. Die Mutation kann Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte brauchen – oder eben den nächsten Winter. „Jede neue Infektion ist ein Würfelwurf für das Virus“, sagt López Guerrero.
Kreuzfahrt-Gäste, die in den vergangenen Tagen an Land gingen, werden derzeit auf Gran Canaria und Teneriffa gesichtet. Die Gesundheitsbehörden der Kanaren registrieren Kontaktpersonen, doch einheitliche Test- und Isolationsrichtlinien fehlen. Die spanische Fernsehsendung zeigte Handyvideos von Passagieren, die ohne Maske durch Einkaufszentren laufen – und stellte die Frage, ob das noch verantwortbar ist.

Was sportler jetzt wissen müssen
Extremtrail-Läufe in Patagonien, Mountainbike-Camps in Feuerland, Expeditionen auf den Fitz Roy – all das boomt. Athleten jagen Rekorde in entlegenen Gebieten, schlafen in Holzhütten, atmen staubige Luft. „Wer dort trainiert, sollte auf absolute Sauberkeit achten: keine offenen Wasserquellen neben Mäusekot, keine Mahlzeiten im Schutthaufen, Zelte dicht verschließen“, rät López Guerrero. Ein einziger Staubfaden mit infizierten Partikeln kann ausreichen.
Und die gute Nachricht? „Das Virus ist nicht resistent gegen Desinfektionsmittel, nicht hitzebeständig und überlebt keine Sonne“, beruhigt der Virologe. Regelmäßiges Lüften, Nasswischen, Handschuhe – einfache Regeln, die auf Schiffen wie an Land helfen.
Der MV Hondius durfte nach Testserie weiterlaufen. Die Kanarischen Inseln vermelden keine neuen Fälle. Dennoch: Die Andes-Cepa ist jetzt in Europa angekommen – per Schiff, per Reisender, per Zufall. „Wir haben ein Zeitfenster, bevor sich das Virus perfekt an uns anpasst“, sagt López Guerrero. Wie groß dieses Fenster ist, weiß niemand. Aber es schließt sich mit jeder neuen Reise, die Richtung Süden startet.
