Endometriose-activistin giorgia soleri: „ich bin nicht schwanger – ich bin krank“
Ein Foto, ein Kommentar, ein Körper – und eine Wut, die sich nicht mehr hinter Instagram-Filtern versteckt. Giorgia Soleri hat es satt, dass ihre geschwollene Mitte als Babybauch missverstanden wird. Die italienische Aktivistin zeigt, was Endometriose wirklich bedeutet: einen „Endo-Bauch“, der nicht strahlt, sondern schmerzt.
„Endo-belly“ statt babyglück
Soleri postierte ein Video, das mit einem Schlag Millionen Frauen sprach. „Ist das ein Babybauch?“, fragte eine Followerin freundlich. Die Antwort kam als Ohrfeige: „Nein, das ist meine kranke Gebärmutter.“ Die 30-Jährige lässt keine Ausrede mehr gelten. Sie packt aus über Hormoncocktails, die das Gewicht schnellen lassen, über Nächte, in denen sie das Katzenklo krabbelt, weil das Stehen Messerstiche bedeutet.
Die Zahlen sind erschütternd. In Italien leiden 1,8 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter an Endometriose – Tendenz steigend, weil Diagnosen sich über Jahre verzögern. Der Median bis zur ersten richtigen ärztlichen Bestätigung liegt bei zehn Jahren. Zehn Jahre, in denen Betroffene als „nervös“, „hypochondrisch“ oder „dick“ abgestempelt werden.
Soleri selbst brauchte sieben Jahre, bis man ihr glaubte. Sie erinnert sich an den Gynäkologen, der ihr einfach Ibuprofen verschrieb und meinte, sie solle sich „nicht so anstellen“. Heute weiß sie: Diese Ignoranz ist Teil eines Systems, das Frauenschmerzen als Normalität akzeptiert.

„Ich will keine komplimente – ich will behandlung“
Die Influencerin nutzt ihre Reichweite nicht für Werbedeals, sondern für Anrufe beim Gesundheitsministerium. Sie startete Petitionen, organisierte Flashmobs vor Krankenhäusern und brachte eine Resolution ins Parlament. Ergebnis: 15 Millionen Euro mehr Forschungsgelder – ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ein Anfang.
Der Preis ist persönlich. Wegen der Erkrankung leidet Soleri unter sekundärer Unfruchtbarkeit. „Jede Frage nach einem Kind trifft mich wie ein Faustschlag ins Gesicht“, sagt sie. Sie spricht offen über die Angst, nie eine Mutter werden zu können – und über die Wut, dass diese Angst in der Öffentlichkeit stillschweigend mit Scham verknüpft wird.
Die Reaktionen auf ihr Outing spalten sich. Manche feiern sie als „Heldin des eigenen Körpers“. Andere werfen ihr „Aufmerksamkeitsgeilheit“ vor. Soleri kontert mit Zahlen: 40 bis 50 Prozent der Endometriose-Patientinnen sind laut Studien subfertil. „Wenn das Aufmerksamkeit erfordert, dann ist es höchste Zeit, dass wir sie bekommen.“
Sie fordert nicht nur, sie liefert Lösungsansätze: bessere Ausbildung für Ärzte, standardisierte Fragebögen in Praxen, einen bundesweiten Endometriose-Tag, an dem Schulen über Menstruation reden – nicht flüsternd, sontern mit Overheadprojektor.
Mit jedem neuen Post wird ihre Community größer. #nonsonoincinta („Ich bin nicht schwanger“) trendet seit Tagen in Italien. Kliniken melden sich, Selbsthilfegruppen wachsen. Selbst Modehäuser schicken Mails: „Wir wollen Jeans für Endo-Bäuche designen.“ Soleri lacht rau: „Erstmal wollen wir Schmerzpatientinnen, keine neue Kleinstgröße.“
Am Horizont steht ein Gesetzentwurf, der Kosten für Hormontherapien und Operationen komplett übernimmt. Die Beratung verläuft zäh, aber Soleri hat gelernt: Druck entsteht, wenn genug Frauen laut werden. „Wir sind laut genug, dass sie uns nicht mehr wegdrücken können.“
Sie schließt ihre Story mit einem Satz, der klingt wie ein Siegel auf einem Brandbrief: „Ich werde nicht schwanger sein, bis die Medizin schwanger wird mit Ideen.“ Dann legt sie das Handy weg. Der Endo-Bauch bleibt, doch das Schweigen ist gebrochen – und mit ihm ein System, das zu lange weggeschaut hat.
