Zum 45. jubiläum: wie ein hendrix-look den sowjets die krone klaute

193 Sekunden reichten. Drei Minuten und 13 Sekunden, in denen ein Mann mit Jimmy-Hendrix-Mähne die Handball-Welt aus den Angeln hob und die UdSSR in Kopenhagen mit 20:19 besiegelte. Am 5. Februar 1978 schrieben 16 deutsche Profis und ein Coach namens Stenzel Märchengeschichte – und keiner ahnte, dass dieser Tag bis 2007 der letzte deutsche WM-Treffer bleiben sollte.

Druckkochtopf brøndby: 7.000 zuschauer, zwei blocks, ein kalter krieg

Die Brøndby-Halle dampfte. 2.000 Fans aus der Bundesrepublik hatten sich per Mitfahrzentrale, Nachtzug und Charterbus nach Dänemark geschlagen – ein Exodus, der an jenem Sonntag das Tor zum Westen öffnete. Im Osten saßen Familien vor dem Rundfunkgerät, denn Olympia-Tickets lagen im Sack: Die ersten sieben Teams qualifizierten sich für Moskau 1980. Keiner wusste, dass Politik das Turnier später kapern würde. Die Sowjets hatten ihre Meisterschaft ausgesetzt, die Isländer ihre Spieler kaserniert. Die DHB-Auswahl trainierte in Gummersbach, aß Schnitzel und glaubte an Tempogegenstoß.

Die Vorrunde lief wie ein Testlauf. 23,6 Jahre Durchschnittsalter – jüngstes Feld aller 16 Teams. Kanada 20:10, Tschechoslowakei 16:13, Jugoslawien 18:13. Arnulf Meffle warf sieben Mal ein. Die Hauptrunde wurde zur Zitterpartie: 14:14 gegen die DDR, 17:17 gegen Rumänien, drei verworfene Siebenmeter. Dennoch reichte das Jugoslawien-Ergebnis aus der Vorrunde fürs Finale. Kein Sieg nötig, nur Kaltblütigkeit.

David ohne schleuder: wie stenzel die sowjets in die falle stellte

David ohne schleuder: wie stenzel die sowjets in die falle stellte

Die UdSSR war Goliath. 24:12 gegen Spanien, 24:18 gegen Schweden, 18:16 gegen Polen. Körpergröße, Schulterumfang, Trainingsvolumen – alles sowjetisch überlegen. Vlado Stenzel setzte auf zwei Hebel: Manfred Hofmann im Tor und Joachim Deckarm als Spielmacher. Hofmann stoppte drei Siebenmeter, Deckarm schaltete das Tempo wie einen Kompressor. Die deutsche Deckung riskierte frühes Doppeldecken, provozierte elf Strafwürfe, kassierte aber nur neun Gegentore daraus. Jeder Treffer war ein Stein aus der sowjetischen Mauer.

11:11 zur Pause. Dann kam „Jimmy“. Dieter Waltke, 23, Dankersener Linksaußen, bisher ohne Einsatzminute, hatte schon den Koffer gepackt. Stenzel zog ihn in der 39. Minute rein – nicht für Ehret, sondern für dessen Konzentration. Drei Würfe, drei Treffer. 15:12, 16:12. Die Sowjets starteten noch einmal einen 7:4-Lauf, doch die Uhr lief gegen sie. Letzter deutscher Ballbesitz: Deckarm lässt die Sekunden verglühen, wirft die Kugel in die Luft. Abpfiff. 20:19. Silvester-Spektakel auf deutschen Rängen, Tränen statt Politik.

Das erbe: 45 jahre später immer noch der schnellste titel aller zeiten

Die Sieger landeten in Frankfurt, wurden mit Kaffee und Schnaps empfangen. Kurt Klühspies steckte sich eine Zigarre an und sagte: „Wir haben bewiesen, dass Köpfe schneller sind als Muskeln.“ Der Satz wurde zur DNA des deutschen Handballs. Bis 2007 wartete die Nation auf den nächsten Titel – genauso lange, wie es 1978 gedauert hatte, um den ersten zu wiederholen. Die 193 Sekunden Waltke liefen in Schulbüchern, Sportfilmen und Werbespots. Heute, beim 45. Jubiläum, zeigt der DHB die Trophäe in Köln. Dieter Waltke, inzwischen 68, lacht: „Drei Minuten reichen fürs Leben, wenn man sie richtig nutzt.“

Deutschland bliet Weltmeister – in einer Zeit, in der Minuten noch Sekunden zählten und ein Frisur die Sowjetunion besiegte.