Wie die stasi einen fußball-star jagte: der tod von lutz eigendorf bleibt ungeklärt
Lutz Eigendorf war 26 Jahre alt, als er am 5. März 1983 in Braunschweig in seinem Alfa Romeo gegen einen Baum krachte. Zwei Tage später starb er. Alkohol im Blut, kein Gurt, keine Obduktion – die Akten schnell zu. Doch die Akten lügen. Und die Stasi schweigt.
Die flucht, die erich mielke persönlich ärgerte
Am 20. März 1979 lief Eigendorf nach einem Freundschaftsspiel in Kaiserslautern einfach weg. Weg aus der DDR, weg vom von der Stasi kontrollierten Dynamo Berlin. Für Mielke war das Verrat. Bis zu 50 Spitzel sollen danach das „größte Talent der DDR“ beobachtet haben. Jede Bewegung, jede Beziehung, jede Strecke – kartiert. Selbst seine Mitspieler bekamen es mit. Ronnie Hellström: „Ein Auto stand ständig vor der Tür.“
Im Westen spielte Eigendorf für Kaiserslautern, später für Braunschweig. Er gab Interviews vor der Mauer, provozierte, ließ sich nicht einschüchtern. Drohungen gegen seine Frau, seine Tochter – nichts half. Die Stasi notierte: „Unfallstatistiken? Verblitzen, Eigendorf, Narkosemittel.“

Die letzte stunde im „cockpit“
Eine Stunde vor dem Crash sitzt er in der Kneipe „Cockpit“ mit seinem Fluglehrer. Zeugen sprechen von „ein paar Bier“. Die Promillezahl: 2,2. Seine Frau Josephine: „Lutz hatte Angst, entführt zu werden. So viel trinken war nicht seine Art.“ Geplant war am nächsten Tag eine Flugstunde – mit Alkohol? Die Infusionen im Krankenhaus könnten die Messung verfälscht haben. Obduktion? Fehlanzeige.
Der Historiker Andreas Holy wälzte 3600 Akten: 1000 Ermittlungen, 2600 Stasi-Dokumente. Fund: ein IM namens „Schlosser“ kassierte 5000 Mark für einen „Auftrag“, kaufte sich stattdessen ein Auto. Beweise? Fehlanzeige. Indizien? Massenhaft.

Warum der fall heute noch brennt
Die Staatsanwaltschaft Berlin hat die Ermittlungen 1995 eingestellt. Doch die Geschichte nagt. Denn wer damals 26 war und heute 66 wäre, erinnert sich: Fußball war Politik, und Politik war Krieg mit anderen Mitteln. Die Kurve an der Forststraße ist heute eine beliebte Pilgerstätte für Fans, die keine Antwort haben. Kein Kreuz, keine Tafel – nur Asphalt und das Schweigen der Diktatur.
Die DDR ist tot, die Akten offen, die Antworten nicht. Eigendorfs Name steht auf der Liste von „99 Orte, die Fußballfans gesehen haben müssen“. Nicht wegen des Tores, das er schoss, sondern wegen des Todes, der ihn einholte. Die Faszination ist makaber, aber echt. Denn manchmal ist das einzige, was bleibt, die Frage: War es wirklich nur ein Unfall? Die Stasi antwortet nicht mehr. Der Baum steht noch.
