Schuhns schlaue lilien: darmstadt blitzt kiel mit akiyamas wurfarm
65 Minuten in Überzahl, zwei Tore binnen vier Minuten – und ein Torhüter, der sich wünscht, er hätte den Geheimtipp früher gekannt. Marcel Schuhen strahlte nach dem 2:0 gegen Holstein Kiel wie der Neon-Scoreboard über ihm: Darmstadt springt auf Tabellenplatz zwei, die Aufstiegsluft wird dicker.
Die waffe heißt akiyama und wirft bis zur fünferlinie
Was niemand auf dem Schirm hatte, war ein Einwurf. Kein Standard aus der zweiten Reihe, kein Freistoßgeheimnis – ein simples Aus. Hiroki Akiyama, 1,78 Meter, klaubt sich den Ball, sprintt zur Seitenlinie und katapultiert ihn 35 Meter weit. Sekunden später zischt Nico Richters Kopfball knapp über den Querbalken. „Wir standen da alle mit offenem Mund“, lacht Schuhen. „Er hätte vorher mal was sagen können.“
Die Szene war kein Ausrutscher. Akiyama feuerte sieben weite Würfe, jeder landete zwischen Elfmeterpunkt und Torraum. Kiels Defensive rückte immer wieder auseinander wie ein altes Bücherregal. „Wir haben die Einwürfe gezielt trainiert – aber nicht so“, gestand Co-Trainer Christian Preußer hinterher. Florian Kohfeldt hatte in der Kabine nur gesagt: „Nutzt die Räume, sie werden eng.“ Akiyama interpretierte das wörtlich.

Kohfeldts halbzeit-coup: viererkette löst kieler ketten
Die erste Hälfte war trotz Überzahl ein Stückwerk. Kiel presste mit fünf Mann, die Lilien liefen sich fest. „Wir haben zu viele diagonalen Ball laufen lassen“, analysierte Schuhen. „In der Pause kam der Schachzug: Viererkette, doppelte Sechser, Isac tiefer. Plötzlich hatten wir Dreiecke über den ganzen Platz.“
Die Zahlen liefern den Beweis: Vor der Pause 0,38 erwartete Tore, danach 2,14. Lidberg und Richter trafen, weil Kiels Abwehr nicht mehr wusste, wer wann wo aufrückt. „Das war Fußball auf höchstem taktischen Niveau – zumindest für unsere Verhältnisse“, sagte Schuhen und klingt dabei wie ein Lehrer, der seiner Klasse ein Zeugnis mit Sternchen ausstellt.

Lidberg bricht den bann – und der bann bricht kiel
Isac Lidberg hatte 439 Minuten nicht getroffen, seit dem 2. Februar. Als der Schwede in der 48. Minute einschob, explodierte der Böllenfalltor-Block. Die Torhymne „Oh, Isac Lidberg“ wurde einmalig laut – und das, obwohl gerade mal 14.000 Zuschauer im Stadion waren. „Der Knoten ist geplatzt, jetzt rollt der Ball wieder“, sagte Lidberg. Schuhen fügte hinzu: „Wenn er trifft, gewinnen wir – Statistik ist kein Zufall.“
Die Aussage ist korrekt: In den fünf Spielen, in denen Lidberg traf, holte Darmstadt 13 von 15 Punkten. Die Lilien sind nicht mehr nur Aufstiegskandidat, sie sind derzeit der heißeste Verein der Liga: 13 Punkte aus den letzten fünf Spielen, nur Schalke kam in dieser Phase auf zwölf.

Blick nach vorn: magdeburg, dann schalke – und die angst vor dem fluch
Am Freitag geht’s nach Magdeburg, eine Woche später empfängt Darmstadt den FC Schalke. „Wir haben gelernt, dass Platz zwei kein Selbstläufer ist“, warnt Schuhen. Der Keeper erinnert an die Saison 2020/21, als die Lilien nach fünf Siegen in Folge abstürzten und letztlich nur den Klassenerhalt schafften. „Wir sind hungriger, aber auch älter. Die Jungs wissen, was passieren kann.“
Die Tabelle ist ein Kuddelmuddel: Darmstadt 34 Punkte, Schalke 33, Elversberg 32. Drei Teams, zwei Aufstiegsplätze. „Wir können jetzt nicht den Fuß vom Gas nehmen. Wer jetzt zögert, kriegt den Hals nicht mehr voll“, sagt Schuhen. Und dann grinst er: „Vielleicht trainieren wir morgen Einwürfe. Wer weiß, was Akiyama noch so kann.“
