Venezia an der spitze: stroppa zeigt, dass etiketten lügen

Giovanni Stroppa sitzt am Samstagabend vor dem Fernseher, schaltet auf Inter–Mailand – und ist selbst Tabellenführer. Sein Venezia marschiert in Serie B vorneweg, während die großen Rivalen in der A-Liga um die Meisterschaft kämpfen. Wer ihm diese Rolle vorhergesagt hätte, wurde in Italien belächelt. Zu lange galt der 54-Jährige als „guter Zweitligist“, nicht als Zukunftsmodernisierer.

Ein leben auf der bank, ohne glamour

Seit 2004 ist Stroppa Trainer, das ist kein Geheimnis. Was kaum jemand kennt: In 388 Pflichtspielen holte er 1,55 Punkte im Schnitt – besser als De Zerbi vor dessen Auslandsabstecher. Die Tabelle lügt nicht, nur die Labels in den Zeitungsredaktionen. „Spielidee zu akademisch“, hieß es. „Keine Management-Qualitäten.“ Währenddessen baute er Frosinone, Pescara und Crotone zu Offensivmaschinen um, ohne die vermeintlichen Top-Clubs je anzurufen.

Jetzt führt er Venezia mit 4-3-3 und Ballbesitzwerten von 58 %, hinten raus, vorne ein Geflecht aus vertikalen Dribblings und Raumdehnung. Kurz: Er lehrt italienische B-Teams, wie man moderne Fußballsprache spricht. Die Fans feiern ihn, weil sie sehen, dass Idee und Ergebnis nicht Gegensätze sein müssen.

Warum label-fetischisten versagen

Warum label-fetischisten versagen

Die Serie A liebt ihre Schubladen: „Jung“, „alt“, „Experte für den Abstiegskampf“. Stroppa passt in keine. Er coachte die Primavera des Milan, trug deren Trikot als Spieler – und wurde dennoch als „Second-League-Mann“ abgestempelt. Gleiches widerfuhr Simoni, der mit Lazio die Meisterschaft gewann, aber nie den Status des ewigen Innovators erhielt. Stroppas Fall offenbart ein System, das lieber Namen importiert als Können zu fördern.

De Zerbi musste nach Shakhtar und Brighton, um Respekt zu ernten. Stroppa blieb im Land, kassierte Ablehnung, baute trotzdem Tabellenführer. Seine Antwort auf Kritik: 24 Gegentore in 28 Spielen, 60 Tore vorne. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, selbst wenn das italienische Fußball-Establishment sie gern übersieht.

Fakt: Wenn Venezia am Saisonende aufsteigt, wäre es der dritte Aufstieg für Stroppa – mit drei verschiedenen Klubs. Ein Rekord, der keine Schlagzeile kriegt, weil keine Transfer-Bombe dazugehört. Dabei liefert er das auf, wofür Vereine Millionen berappen: Identität, Punkte, Zukunft.

Milan und Inter präsentieren sich am Sonntag als großes Spektakel. Doch der Mann, der einst beide Farben trug, beweist Wochen für Woche, dass Erfolg nicht vom Logo auf der Brust abhängt, sondern von Mut, Kontinuität und einer klaren Spielidee. Die Serie A kann sich entscheiden: Weiter Stars importieren oder endlich das Potenzial vor der eigenen Haustür nutzen. Stroppa liefert das Skript – ob sie es lesen, liegt an ihr.