Italienischer fußball am scheideweg: braucht es einen neuanfang?
Ein Schock, der durch die Nation hallt: Die erneute Nichtqualifikation für die Weltmeisterschaft. Italien, einst Fußballmacht, steht vor dem Abgrund. Nicht nur sportlich, sondern auch strukturell – das Land muss sich dringend neu erfinden, wenn es nicht den vierten herben Schlag im Jahr 2030 einstecken will.
Die wurzeln des problems: ein mangel an mut
Stefano Barigelli, ein renommierter Fußballanalyst, bringt die Lage auf den Punkt: Der italienische Fußball leidet an einer tief verwurzelten Krankheit – dem fehlenden Mut zum Wandel. Gravinas möglicher Rücktritt könnte hier eine Chance darstellen, ein Kapitel abzuschließen und den Weg für einen echten Neuanfang zu ebnen. Doch ohne diesen notwendigen Mut wäre jede Reformbewegung zum Scheitern verurteilt.
Es ist nicht nur eine Frage der Führung, sondern einer kollektiven Verantwortung. Die Federcalcio hat versäumt, die Governance zu modernisieren – wie lange noch soll die Serie A so wenig Einfluss haben? Auch die Lega scheute sich vor notwendigen Veränderungen, wie die Ablehnung von Vorbereitungsspielen vor den WM-Playoffs zeigt. Und die Politik? Sie entzog dem Fußball nach und nach jede Unterstützung, während sie gleichzeitig Milliarden an Steuern einkassiert.
Die bittere Ironie: Der Koch eines Fußballspielers verdient mehr als viele Athleten bei den Olympischen Spielen – eine Aussage von Gravina, die die Diskrepanzen im System verdeutlicht. Es ist ein Spiegelbild der Prioritäten, die im italienischen Fußball herrschen.

Ein ständiges auf und ab: von mancini zu gattuso
Die kurze Ära unter Mancini und Vialli hatte kurzzeitig Hoffnung geweckt, doch die Widerstände gegen Veränderungen waren zu groß. Der zweite Schock – die Niederlage gegen Nordmazedonien – ließ keinen Zweifel daran: Der Wandel war überfällig. Seitdem folgte ein chaotischer Wechsel von Trainern: Mancini, Spalletti, Gattuso, und ein gescheiterter Versuch mit Ranieri. Die Nationalmannschaft sollte ein Vorbild sein, technisch und sportlich, aber sie wurde zum Symbol für die Verwirrung und den Niedergang.
Die Verantwortlichkeit liegt nicht allein bei den Trainern. Die Mannschaft als Ganzes konnte nicht die Summe ihrer Einzelteile übertreffen – im Gegenteil, sie war oft schwächer als erwartet. Die Kombination aus Buffon und Bonucci, einst eine feste Größe, offenbarte Risse.

Die stunde der entscheidung: gravinas vermächtnis
Nun liegt der Ball bei Gravina. Entscheidet er sich, den Rücktritt anzutreten, könnte sich eine neue, weniger vergiftete Ära abzeichnen. Ein frischer Wind, ein neuer Ansatz. Ein Wechsel an der Spitze wäre ein klares Signal, dass der italienische Fußball bereit ist, sich neu zu erfinden, anstatt an alten Strukturen festzuhalten. Ein Neustart, der nicht auf den Erfahrungen der Vergangenheit aufbaut, wäre sinnlos.
Die Alternative ist der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Drei Weltmeisterschaften in Folge verpasst – ein trauriger Rekord, den Italien unbedingt vermeiden muss. Die Zeit drängt.
