Italiens skandal: klubs drohen kettenreaktion durch zeugenaussagen
Mailand rüstet sich für die größte Schiedsrichter-Affäre der Serie-A-Geschichte. In den nächsten Wochen werden vor allem Club-Verantwortliche als sogenannte „persone informate sui fatti“ vernommen – und jeder Satz kann weitere Dominosteine zum Kippen bringen.
Pm ascione lädt liga-manager, nicht die stars
Ob Präsident, Sportdirektor oder CFO – die Liste der Einzuladenden hält die Staatsanwaltschaft geheim. Klar ist nur: Die Lega Calcio muss sich erklären, warum interne Reglements offenbar systematisch umgangen wurden. Die Anhörungen starten still und binnen Tagen; keine Kameras, keine Statements, dafür Protokolle, die später öffentlich werden könnten.
Parallel laufen Ermittlungen gegen die sogenannten club referee manager. Diese Liaison-Offiziere pflegen den Kontakt zur Schiedsrichter-Elite – offiziell zur „Vermittlung“, tatsächlich aber mit Einflussmöglichkeiten, die die Richtlinien eigentlich verbieten. Sprechen Klubs mit dem Designatore, muss der dafür vorgesehene Andrea De Marco eingeschaltet werden. Die Praxis sieht anders aus, wie abgehörte Telefonate belegen.

Inter, juve, lazio, parma: namen, die jetzt zittern
Giorgio Schenone (Inter) wurde in einem Rocchi-Intercept namentlich erwähnt, Riccardo Maggiani (Juventus) soll interne Schiedsrichter-Notizen weitergeleitet haben. Riccardo Pinzani (Lazio) koordinierte bis 2023 die Kommunikation zwischen Ansetzungskommission und Klubs – ein Posten, der plötzlich auf Eis liegt. Für Parma steht Lorenzo Manganelli noch nicht einmal auf der Vorladeliste, doch die Anklage trägt seine Aktennummer bereits mit.
Die Anzeigenlawine kommt ausschließlich aus dem Schiedsrichter-Lager: Michele Croce, Anwalt und Verona-Ultra, hat gemeinsam mit Ex-Referee Domenico Rocca ein 38-seitiges Dossier hinterlegt. Ex-Kollege Eugenio Abbattista liefert Funkmitschnitte, Pasquale De Meo liefert interne WhatsApp-Threads. Seit Oktober 24 stapeln sich beim PM 47 weitere Schreiben – noch ungelesen, aber zeitstempelgesichert.

Warum jetzt jeder punkt zwackt
Die Meisterschaft ist entschieden, die TV-Gelder aber nicht. Ranglistenplätze bestimmen künftige Einnahmen, internationale Startplätze und Milliardenwerte an Börsen. Wird einem Klub nachgewiesen, dass er Schiedsrichter beeinflusste, drohen Punktabzug bis zur Zwangsabstiegung – ein Schock, der Aktiengesellschaften in die Knie zwingen kann. Die Börse reagiert schneller als das Sportgericht.
Die Strategie der Anklage ist simpel: erst administrative Beweise, dann Indizienkette, zuletzt Schuldeingeständnisse im Tausch gegen Strafminderung. Wer früh spricht, sichert sich die beste Verhandlungsposition. Wer schweigt, landet im zweiten Ermittlungsjahr – wenn die Akten längst öffentlich sind und Sponsoren flüchten.
Italiens Fußball hat Krisen überlebt, aber keine, bei der Schiedsrichter selbst die Anklage schreiben. Wenn die ersten Protokolle durchsickern, wird der Sommer nicht über Transfers sprechen, sondern über Rücktritte. Die Saison ist zu Ende, der Fall beginnt gerade erst.
