Gattuso zittert mit italien: wm-traum lebt, aber die angst bleibt

Sandro Tonali donnerte die Kugel ins Netz, Gennaro Gattuso ballte die Faust – und ein ganzer Fußball-Staat atmete kurz durch. Das 2:0 gegen Nordirland rettete die Squadra Azzurra vor dem totalen Kollaps, doch schon am Dienstag in Zenica droht der nächste Finals-Gau.

Die angst vor dem dritten wm-miss in serie sitzt tief

Seit 2014 schaut Italien von außen zu, wenn die Weltmeisterschaft läuft. Kein Land, das sich selbst als Fußball-Mutterland sieht, verträgt so viel Peinlichkeit. Gattuso wusste das, als er nach dem Schlusspfiff betonte: „Wir haben den Sieg gebraucht wie Pasta und Tomatensoße.“ Die Worte klangen wie ein Kampfansage an die eigene Nervosität.

Der ehemalige Mittelfeld-Rottweiler hat das Team in zwölf Monaten von einer kreativlosen Truppe zu einer funktionierenden Einheit geformt. Doch die Reform ist noch nicht abgeschlossen. Gegen Nordirland plätscherte 45 Minuten nichts zusammen, bis Tonali mit einem Schlenzer aus 22 Metern die Bude traf. Ein Treffer, der mehr Erleichterung als Begeisterung auslöste.

Die Statistik nagt an den Azzurri. Seit dem Triumph 2006 in Deutschland hat Italien kein einziges K.o.-Spiel auf WM-Bühne bestritten. Kein anderer Vize-Weltmeister muss solche Zahlen ertragen. Die Folge: Selbst die eigenen Fans glauben erst wieder, wenn der Ball im Bosnien-Tor zappelt.

Der bosnien-check: dzeko, modić und der höllenpokal

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In Zenica wartet ein Platz, der an englische Wochen erinnert: rau, kalt, schwarz-rot-rote Fans, die jeden Gegner als Eindringling behandeln. Edin Dzeko hat Schalke zwar verlassen, aber nicht die Gabe, Italienern das Leben schwer zu machen. Sein Co-Star Miralem Pjanic dirigiert das Mittelfeld wie ein Metronom. Wer dort nicht mit Leidenschaft dagegenhält, fliegt raus.

Die mögliche Gruppe B in den USA, Mexiko und Kanada lockt: Kanada als Co-Gastgeber, die Schweiz als vermeintlich leckerer Nachbar und Katar als Titelverteidiger ohne Messi-Ronaldo-Glanz. Für italienische Verhältnisse ein Los, das zum Weiterkommen verpflichtet. Aber: Erst muss das Ticket nach Übersee gelöst werden.

Die Spieler schwören sich auf Gattusos Lieblingsmantra: „Chi si ferma è perduto“ – Wer stehenbleibt, ist verloren. Die Fans fürchten sich vor dem Satz: „Chi si verliert, è fottuto“ – Wer verliert, ist erledigt. Zwischen diesen Polen bewegt sich Italiens Fußballseele am Dienstagabend. Entweder die Squadra Azzurra kehrt ins Rampenlicht zurück – oder sie verschwindet für weitere vier Jahre in der Bedeutungslosigkeit. Die Wette gilt: Die ganze Nation schaut hin, mit klopfendem Herzen und einem Auge auf die Uhr, die bis 22.00 Uhr runtertickt.