Gattuso vor dem knock-out: 'die jungs würden für das wm-ticket sterben'

Zenica – Rino Gattuso trägt kein Turin-Trikot mehr, aber die Schweißperlen im Nacken sind dieselben. Drei Stunden vor dem Play-off-Finale gegen Bosnien sitzt er zwischen Koffern und Kameras, und seine Stimme klingt, als hätte er schon 90 Minuten in der Mitte gekämpft. „Wenn ich den Jungs in die Augen schaue, sehe ich keine Angst, sondern Hunger“, sagt der Commissario tecnico der Squadra Azzurra im Exklusiv-Interview mit Rai Sport. „Ein ganzer Staat klebt an unseren Stiefeln – und sie spüren jeden Gramm.“

Draußen wartet ein land, drinnen ein vater

Die Nacht davor war kurz. Um 2:37 Uhr piepte das Handy. Die Nachricht stammte von seinem Sohn, 22, selbst Mittelfeldspieler in der Serie C. „Papà, denk nicht an das Scheitern, denk an das Lied, das wir morgen singen.“ Gattuso lacht trocken, dann kommt der Satz, der im Bus zwischen Hotel und Stadion mitfährt: „Als Spieler war ich nie allein. Als Trainer ist man ein Einsiedler mit 23 Söhnen.“

Die Statistik nagt an ihm. Kein italienischer Coach hat seit 2012 das WM-Ticket über die Play-offs gelöst. Bosnien kassiert im Schnitt 2,3 Gelbe pro Partie, Italien nur 1,4 – kleiner Unterschied, große Wirkung. Schiedsrichter Clément Turpin ließ in den letzten zehn Länderspielen 14 Proteste mit Gelb folgen. „Wer mit erhobener Hand kommt, bekommt sofort Farbe“, warnt Gattuso. „Wir haben gelernt, die Faust in der Tasche zu halten und den Gegner mit Ball statt mit Worten zu treffen.“

Keine torlinientechnik, dafür jede menge nebel

Keine torlinientechnik, dafür jede menge nebel

Stadion Bilino Polje – 15 600 Plätze, kein VAR, kein Goal-Line-System. Die Bosnier haben die Flutlichter auf 1 400 Lux hochgedreht, genug, um italienische Augen zu blenden. „Wir werden die ersten 15 Minuten ertragen, dann schalten wir um“, kocht Gattuso. „Wenn sie uns treten, antworten wir mit Pässen. Wenn sie schreien, antworten wir mit Toren.“

In der Kabine hängt ein Zettel: „Qualificazione = Liberazione“. Darunter hat der Trainer persönlich eine Fußnote gesetzt: „Wer nach dem Spiel noch Luft hat, hat falsch gearbeitet.“ Die Spieler lesen und schweigen. Kein Lächeln, nur das Knacken der Hände. Donnarumma zieht sich die Kapuze über, Chiesa bindet sich die Stutzen doppelt. Jeder kennt die Wahrheit: Wer heute scheitert, wird im nächsten Jahr in Qatar nur Zuschauer sein.

Kurz vor dem Abmarsch packt Gattuso noch einen finalen Gedanken aus. „Ich war 2006 Weltmeister, aber das war gestern. Heute zählt nur, ob wir morgen aufwachen und die Sonne wieder aus Italien scheint.“ Dann steht er auf, schlägt mit der flachen Hand gegen die Wand – einmal, zweimal – und geht. Kein Slogan, keine Träne. Nur der Geruch von Menthol und Adrenalin, der hinter ihm klebt. In Zenica zählt jetzt jeder Schritt, jeder Atemzug, jeder Takt. Die Jungs wollen ins Mittelfeld, Gattuso will ins Paradies. Und das beginnt 20:45 Uhr mit dem ersten Pfiff.