Gattuso setzt auf retegui-kean: italiens letzte trumpfkarte in zenica
Zenica riecht nach Krieg. In der Luft liegt Blei, nicht Rauch. Gattuso hat die Selezione in der Kabine, doch draußen wartet Dzeko, 37, ein Bär, der noch immer zubeißen kann. Wer heute nicht gewinnt, fliegt raus. Kein zweites Leben, keine Playoffs. Null oder alles.
Die attacke: retegui jagt den moment, kean den ball
Der Trainer rührt nicht an der Spitze. Retegui bleibt Jäger, Kean sein Schatten. Gemeinsam haben sie in den letzten drei Spielen vier Treffer erzielt, doch die Zahlen lügen: Kean traf nur, wenn Retegui ihn freimachte. Gattuso will genau dieses Duett – ein Target, ein Phantom. Pio Empis sitzt bereit, 19 Jahre, 1,96 m, ein Wrestler mit Fußballschuhen. „Wenn die Bosnier einknicken, schicke ich den Jungen“, sagte der Coach gestern Nacht in der Lobby des Holiday Inn. Kein Geheimnis, nur Drohung.
Die Bosnier kennen die Filmszenen. Sie trainierten gestern extra auf Reteguis Rückholaktionen. Demirovic stellte sich als Dummy hinten rein, Dzeko schimpfte, weil er die Hacken nicht sah. Deren Abwehrcoach, 54, warnte: „Wenn wir den Italiener ziehen lassen, wird er uns mit dem zweiten Ball umhauen.“

Im mittelfeld: continuität als falle
Barella, Cristante, Frattesi – dieselben Namen wie gegen Nordirland, doch dieselbe Ordnung wird es nicht geben. Gattuso verlangt einen flacheren Rhythmus, 30 Meter weniger zwischen den Linien. Zenica ist ein Kessel, keine Wiese. Wer zu hoch spielt, läuft sich tot. Barella bekam den Freibrief, sofort auf Dimarco zu schießen, sobald die Fahne hochgeht. Ein einziger Steilpass kann reichen.
Die Statistik nagt: Italien gewann nur eines der letzten sechs Auswärtsspiele in WM-Quali. Das war in Vilnius, 1:0, Tor in der 90. Minute. Kein Zufall, sondern ein Muster. Spät, spät, spät. Die Uhr ist ihr Freund, wenn sie sie nicht selbst zertrümmern.
Die abwehr: mancini, bastoni, calafiori gegen dzekos stirn
Dzeko hat in dieser Saison 14 Kopfbälle verwandelt – mehr als 13 ganze Teams in der bosnischen Liga. Bastoni trainierte gestern mit Spezialbrille, die seine Augen tränen ließ. Optischer Stress, sagt der Mediziner. Calafiori bekam einen Lahm-Vergleich an den Ohren: „Wenn du ihn nur einmal angrinst, bist du weg.“
Links unten steht Dimarco, rechts Politano. Beide müssen zurück zur Mittellinie, sobald der Ball verloren geht. Kein Luxus, sondern Überlebenspflicht. Gattuso drohte mit dem Satz: „Wenn einer zu spät kommt, laufe ich selbst.“ Sie glauben ihm. Sie haben ihn gesehen, wie er vor zwei Wochen auf dem Trainingsplatz einen 18-Jährigen zur Seite riss, weil der beim Drucktraining lachte.
Die Wetter-App zeigt minus zwei Grad und Nieselregen. Der Rasen im Bilino Polje ist 104 Meter lang, zehn mehr als in Bergamo. Die Linien sind frisch gestrichen, doch der Boden ist weich. Wer zu viel dribbelt, verliert Tritt. Genau das will Bosnien. Sie haben gestern extra nicht gewässert.
Die Buchmacher zahlen 2,45 auf Italien, 3,10 auf ein Unentschieden. Die Zahlen sind Lügen, denn sie kennen nicht den Geruch von Zenica. Hier zählt nur, wer nach 95 Minuten noch atmen kann. Gattuso wird um 20:45 Uhr an der Linie stehen, mit zerzaustem Haar und Kaugummi im Mund. Er wird nicht jubeln, wenn sein Team trifft. Er wird nur nach vorn deuten. Noch ein Treffer, noch ein Schritt. Denn raus aus diesem Kessel kommt nur, wer sich selbst durchbeißt. Die Mannschaft kennt die Pflicht. Das Land wartet. Und Dzeko wartet auch.
