Gattuso schlägt zurück: kein einziger milan-spieler in italiens playoff-kader
Rino Gattuso, einst das Herz der rotschwarzen Mittelfeld-Maschine, hat für die WM-Playoffs wieder keinen einzigen Milan-Profi nominiert. Die Azzurri reisen ohne Gabbia, ohne Ricci, ohne Bartesaghi – und das, obwohl gerade diese drei in den letzten Wochen lautstark an die Tür der Nazionale klopften.
Warum gattuso die rote brille ablegte
Gattuso trug sie selbst, die Brille der Curva Sud, als er 2006 in Berliner Nacht das WM-Trophy über den Kopf hob. Damals waren Pirlo, Gilardino, Nesta, Inzaghi dabei – ein Viertel des Kaders tr Milan-Bande. Heute wirkt das wie ein vergilbtes Foto. Stattdessen: Maignan und Rabiot könnten für Frankreich nach Katar fahren, während Italiens Staffetta ohne Rossoneri auskommt.
Die Zahlen sind hart: Null Akteure aus dem Klub, der seit 2022 wieder Meister Italiers ist. Kein Verein lieferte in den letzten vier Jahrzehnten so häufig Stammkräfte wie der Milan – und jetzt dieses Vakuum. Die Ursache steckt in der Verletzung von Gabbia, der sich einen Bänderriss im Sprunggelenk zuzog und erst seit Montag wieder joggt. Auch Ricci steht auf der Reservebank, weil Gattuso Barella, Tonali, Locatelli, Cristante als unantastbar ansieht. Und Bartesaghi? Der 19-jährige Linksverteidiger spielt in der Primavera, macht aber inzwischen Druck auf Dimarco und Spinazzola.

Die ironie hinter der entscheidung
Die Ironie ist kaum zu überbieten: Gattuso, der als Spieler die DNA des Milan in sich trug, nominiert für das wichtigste Spiel des Jahres genau zwei Cagliari-Spieler, aber keinen einzigen Rossonero. Die Sardischen gelten als Abstiegskandidat, der Milan marschiert in Richtung Champions-League-Viertelfinale. Doch Form zählt offenbar nur, wenn sie nicht rot-schwarz gefärbt ist.
Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie absurd die Lage ist. Mike Maignan ist gesetzt im Tor der Equipe Tricolore, Adrien Rabiot Mittelfeldanker. Beide könnten in Katar um den Titel spielen, während ihre italischen Teamkollegen vom Klub nebenan zuhause bleiben. Italiens Trainerstaff redet von „Neuausrichtung“, doch wer die Playoff-Spiele gegen Nordmazedonien und die Ukraine verliert, kann diese Neuausrichtung auch gleich wieder einpacken.

Die drei kandidaten, die gattuso noch bewegen könnten
Mattia Gabbia war im Oktober noch dabei, seine Stärke liegt in der Spieleröffnung und im Kopfballspiel. Wenn er bis Mai wieder voll belastbar ist, dürfte er die Lücke zu Coppola und Gatti schließen. Samuele Ricci muss bei Torino liefern, wo Ivan Juric ihn gerade zum Sechser umbaut – ein Auftrag, der seine Tackling-Quote in den letzten zehn Spielen auf 67 % erhöhte. Und Davide Bartesaghi? Der Junioren-Europameister von 2023 hat in 18 Primavera-Partien drei Tore und sieben Vorlagen gesammelt, spielt aber links wie rechts. Ein Joker für den Notfall.
Die Uhr tickt. In 72 Tagen beginnt die Endrunde. Wer bis dahit nicht mindestens zweimal in der Formations-Rotation stand, fliegt raus aus dem Kader. Das weiß auch Francesco Camarda, 18 Jahre alt, gerade erst seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Er gilt als Jahrhunderttalent, aber selbst der Rekordhalter der Primavera-Torschützenkönige braucht mindestens ein weiteres Jahr, um die Muskelstruktur für Seniorenbelastung zu entwickeln.

Was milan jetzt tun muss
Stefano Pioli hat intern bereits zwei Szenarien durchgerechnet: Entweder er baut Gabbia sofort nach dessen Genesung in die Startformation ein, um ihm Spielrhythmus mit Blick auf mögliche Nachnominierungen zu verschaffen. Oder er setzt auf Thiaw und Tomori, um die Serie-A-Top-Vier nicht zu gefährden. Entscheidend wird die Gesprächsrunde mit Gattuso am 3. April im Milanello sein. Dort will Pioli die Trainingsdaten der letzten acht Wochen auf den Tisch legen – inklusive der GPS-Werte, die zeigen, dass Ricci in der Phase der ballfernen Bewegungen 2,3 km/h schneller ist als Cristante.
Die Wahrheit ist schmerzhaft: Italien braucht keine nostalgische Rückbesinnung auf die Milan-Seelen von einst, sondern Profilierter, die hier und jetzt liefern. Gattuso weiß das. Er will kein Gefallen, er will Punkte. Und wenn kein Rossonero diese Punkte bringt, bleibt eben die Tränke leer. Das ist kein Verrat an der eigenen DNA – das ist kalte Professionalität. Am 15. Juni, wenn das erste Gruppenspiel ansteht, zählt nur, wer Tore verhindert und Tore schießt. Ob mit oder ohne Milan-Stempel. Die Zeit läuft, die Frist endet, die Realität wartet nicht auf Sentimentalitäten.
