Gasperini wirft alle seria-a-tricks über den haufen: „wir rechnen nicht – wir spielen nur“

Rom reist mit halbem Sturm und vollem Herzen nach Bologna. Kein Dybala, kein Dovbyk, kein Soulé – dafür ein Trainer, der Tabellenkalkül als „Verrat am Spielfluss“ diffamiert. Gian Piero Gasperini schleuderte seine Marschroute für die Europa-League-Achtelfinal-Partie (Donnerstag, 18.45 Uhr) in den Presseraum, als wäre sie ein Handtuch in die Kabine geworfen: „Wer jetzt rechnet, verliert die Seele.“

Die not-elf: zwei teenager und ein malen, der nicht bremsen darf

Die Zahlen sind brutal: fünf Offensiv-Ausfälle, 41 Prozent der Saison-Tore weg. Lösung? Ein Niederländer, der erst seit 33 Tagen in Trigoria trainiert, soll die Lücke stopfen. „Donyell Malen ist kein Ersatz, er ist ein Turbo“, sagt Gasperini und wischt die Frage nach Rotationsplänen beiseite. Hinter ihm lauert die Bank: Marco Vaz (18, erstes Profi-Jahr) und Pietro Arena (17, nicht einmal EL-gemeldet). „Die Jungen sind keine Pflaster, sie sind unsere DNA“, so der Coach – ein Satz, der bei den Fans sofort viral ging.

Die Personalie Lorenzo Pellegrini bringt zusätzlichen Stoff für Dramatik. Der Kapitän, von der Roma-Anhängerschaft wegen angeblicher Vertragszicken kritisch beäugt, könnte erstmals seit 17 Monaten nicht von Anfang an ran. „Er will spielen, ich will gewinnen – beides kann zusammenpassen, muss es aber nicht“, so Gasperini knapp. Stattdessen rotiert Zaragoza in die Zehner-Position, obwohl der Spanier in Genua komplett auf der Tribüsa saß. „Transfer-Winter ist keine Schule, sondern ein Sprung ins kalte Wasser“, erklärt der Trainer, warum er dem 25-Millionen-Mann keine Vorwürfe macht.

Svilar träumt laut – und schickt kinsky kraftworte

Svilar träumt laut – und schickt kinsky kraftworte

Torwart Mile Svilar hat in dieser Saison bereits drei Mal in der Europa League den Ball aus dem Netz gefischt – und trotzdem strahlt der Serbe Selbstvertrauen. „Europäische Nächte sind wie Adrenalin-Pflaster, die man sich unter die Haut klebt“, sagt der 25-Jährige und kriegt trotzdem noch eine empathische Botschaft raus: An Koen Kinsky, den Kollegen, der in der Conference League patzte. „Ich hab ihm geschrieben: ‚Der Ball hat kein Gedächtnis, du schon. Vergiss, aber versteck dich nicht.‘“ Ein Satz, der in den Katakomben des Renato-Dall’Ara durch die Gänge läuft.

Dabei bleibt die Defensive Roms größte Baustelle. Zuletzt kassierte die Roma in fünf Pflichtspielen zwölf Gegentore – mehr als jeder andere Klub in den Top-5-Ligen. Gasperini sieht darin kein Systemproblem, sondern eine „kombinatorische Pech-Kaskade“. Die Statistik widerspricht: Erwartete Tore (xGA) liegen bei 1,9 pro Spiel – Spitzenwert nach hinten, nur leider negativ. Bologna wiederum schoss in dieser EL-Saison 14 Treffer, die meisten nach Balleroberung im Mittelfeld. Es droht ein offener Schlagabtausch.

Italiens europa-fluch wird zur geisel der liga

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Gasperini nimmt den Ball mit Handschuh auf und schmettert ihn ins eigene Feld. „Unsere Klubs scheitern nicht wegen mangelnder Leidenschaft, sondern wegen mangelnder Infrastruktur“, sagt er und meint damit Stadien, Nachwuchs-Zentren, Daten-Abteilungen. „Wir reden über den vierten Platz, während wir den zehnten verdienen.“ Die UEFA-Fünfjahreswertung liegt bei 9.625 Punkten – hinter Tschechien, vor der Türkei. Ein Horror-Szenario für eine Nation, die 2023 noch im Viertel-Finale der Champions League stand.

Seine Lösung klingt simpel, ist aber radikal: „Wir müssen aufhören, Talente zu horten, und anfangen, sie zu entfesseln.“ Genau das will er in Bologna demonstrieren. Mit einem Teenager-Flügel, einem Notstürmer und einem Torhüter, der die Nacht vor dem Spiel mit Playstation und Mentale-Coaching verbracht hat. „Wenn wir dort gewinnen, schreibe ich kein Kapitel um, sondern blättere das Buch auf“, sagt Gasperini und meint: Die Story beginnt erst.

90 Minuten trennen die Roma vom Viertel-Finale, 90 Minuten trennen Italien vom nächsten Selbstwert-Beweis. Gasperini hat die Rechnung schon beiseitegelegt – seine Spieler sollen sie auf dem Rasen neu aufstellen. Keine Formeln, nur Fußball. Und der beginnt mit dem Anpfiff, nicht mit der Tabelle.