Florian wirtz entzaubert die schweiz und schweigt die zweifler

4:3 in Basel, zwei Tore, zwei Assists – und endlich dieses Lächeln wieder. Florian Wirtz lieferte sich am Freitagabend eine Vorstellung, die sogar den früheren Kollegen Granit Xhaka ins Schwärmen brachte: „Ihr müsst euch wirklich glücklich schätzen, was ihr da für einen Spieler habt.“

Die rückkehr des spielverstehers

Die Statistik spricht für sich: 38 Länderspiele, noch nie zuvor vier Scorerbeteiligungen. Doch die Zahl trügt, sie sagt nur die Hälfte. Denn was Wirtz in der St. Jakob-Park-Arena ablieferte, war mehr als Effizienz – es war ein Lehrstück in Raumeroberung, Tempodiktion und kaltem Abschluss. Julian Nagelsmann nannte es „außergewöhnlich“ und kündigte an: „Er wird über lange Zeit ganz, ganz oben stehen.“

Die Schweizer Defensive erlebte ihn als Geisterfahrer: Er tauchte links auf, zog ins Zentrum, ließ David Raum als zusätzlichen Innenverteidiger agieren und schuf sich so die Freiräume, die er selbst so gern nutzt. „Seitlicher Zehner“ nennt Nagelsmann diese Rollenverschiebung – ein Begriff, der klingt, als hätte jemand die Zehner-Position einfach zur Seite gekippt und damit die gegnerische Ordnung entgrenzt.

Zwischen premier-league-kritik und nationalmannschaftsrausch

Zwischen premier-league-kritik und nationalmannschaftsrausch

Die Ironie: Genau diese Position, links außen im 4-2-3-1, kritisierten englische Pundits als „falsch“ für Wirtz’ Spielverstand. In Liverpool wirkt er oft wie ein Ferrari im Stau, hier hingegen wie auf der Autobahn Richtung Unendlichkeit. Nagelsmann bestätigt, dass sich Wirtz „sehr geöffnet“ habe über die Eingewöhnungsprobleme in der Premier League – das Stichwort lautet „Intensität“, mehr will er nicht sagen. Klingt nach einem Satz, der in einem Wintergarten zwischen zwei Trainingsplätzen fiel und nun in Basel wie ein Befreiungsschlag wirkt.

Die Folge: Zweimal traf er in den Winkel, zweimal legte er auf – einmal für Gnabry, einmal für Undav. Nach dem zweiten Tor hob er kurz die Hand, nicht zum Jubel, sondern fast zur Bestätigung: Ja, ich bin noch da. Die Kamera zoomte auf Xhaka, der den Kopf schüttelte – nicht aus Frust, sondern aus Bewunderung. „Er versteht das Spiel komplett anders“, hatte der Schweizer gesagt, und das klang wie ein Schulterklopfen aus alten Leverkusener Tagen.

Die nächsten gegner warten schon

Die nächsten gegner warten schon

Doch schon am Dienstag steht Wirtz wieder im Trainingslager in Marbella. Dort wird Arne Slot erwarten, dass er diese Form auf City und PSG überträgt – zwei Klubs, die sich nicht mit „seitlichen Zehnern“ abspeisen lassen, sondern mit Tempo und Gegenpressing. Die Frage ist nicht, ob Wirtz das kann, sondern ob er es darf. Denn in Basel war er Chef, in Liverpool oft Statist.

Die Antwort liefert vielleicht schon die WM im Sommer. Nagelsmann hat sich festgelegt: „Er wird lange ganz oben stehen.“ Und Wirtz selbst? Der sagt nur: „Ich versuche, einfach zu genießen.“ Genießen kann er vor allem diesen einen Abend, an dem er die Zweifler verstummen ließ – und die Schweiz mit jedem Ballkontakt ein Stück weit entzauberte.