Fitness-industrie verlässt sterile hallen: kirchen, brauereien und kreuzfahrten werden zu neuen tempeln des schweißes

Die Ketten haben die Nase voll von glatten Mietverträgen und immer teureren Quadratmetern. Statt sich in sterile Einkaufszentren zu quetschen, flüchten sie in Gotteshäuser, verlassene Kinos und sogar auf schwimmende Stahlinseln – und verdienen dabei mehr denn je.

In Madrid sind die Gewerbemieten seit 2014 um 60 Prozent gestiegen, in Valencia sogar um 80. Die Folge: Ein Quadratmeter kostet mittlerweile mehr als ein durchschnittliches Jahresabo. Jaime Gross, CEO der spanischen Kette Abada, nennt das Problem beim Namen: „Unsere echten Konkurrenten sind nicht andere Studios, sondern Supermärkte und Modeketten, die bereit sind, jeden Preis zu zahlen.“

Kirchen, kuppeln und kesselhallen: die jagd nach unverwechselbaren orten beginnt

Die Antwort der Branche heißt: Umkehr. Statt nach Fläche zu jagen, kaufen sich die Betreiber in Geschichte ein. In Sestao vor den Toren Bilbaos verwandelten Investoren die marode Basilika Nuestra Señora de Begoña für 1,1 Millionen Euro in ein 1.000-Quadratmeter-Fitnessheiligtum – komplett mit Kreuzgewölbe und Langzeitmietvertrag durch das Bistum. Der Name: Club Arrabi. Eneko Macías, Mitgründer, plant bereits die nächste Heiligsprechung: „Jede Kirche, jede Fabrik, die atmet, ist ein Geschäftsmodell.“

Der Trick funktioniert auch in Metropolen. Metropolitan zog ins Isozaki Atea von Bilbao, John Reed eröffnete in einer 1884 erbauten Berliner Brauerei mit sieben Meter hohen Gewölbedecken. Die ehemaligen Kühlbassins sind heute Whirlpools, die Läuterbottiche Yoga-Plattformen. Selbst in London lässt Virgin Active schon in einer viktorianischen Pfarrkirche schwitzen – das ehemalige Beichtstückl ist Sauna, der Altarraum Pilates-Ort.

Kreuzfahrten, flughäfen, heißluftballons: das studio kommt zum kunden

Kreuzfahrten, flughäfen, heißluftballons: das studio kommt zum kunden

Wer noch denkt, dass Fitness ein Ort ist, hat die Rechnung ohne GymNation gemacht. Über Riad schwebt ein Heißluftballon mit Hanteln und Blick auf die Skyline. 200 Meter über dem Boden absolvieren Kunden Burpees, während der Call to Prayer durch die Lautsprecher dröhnt. Marketingchef Rory McEntee nennt das „exklusive Höhenekstase“ – und verkauft Tickets zum Zehnfachen eines normalen Tagespasses.

Die nächste Stufe: ganze Schiffe. Under Armour, Hyrox und FitActive charteren Kreuzfahrten, auf denen zwischen Barcelona und Phuket nicht gesoffen, sondern gebeastet wird. Preis für vier Tage Schweiß statt Sekt: ab 479 Euro. Auf dem Annette K. in Paris trainiert man bereits jetzt auf der Seine, olympische Bahn inklusive – tagsüber Café, nachts Dachterrasse-Club. Schwimmen mit Blick auf Notre-Dame inklusive.

Selbst Flughäfen kapitulieren vor der Fitnesswelle. In Melbourne wartet Higher State hinter der Sicherheitskontrolle auf Business-Reisende mit Personal Trainer und 25-Meter-Pool. Singapur, Hongkong, Dubai folgen. Die Logik: Wer 12 Stunden in der Luft verbringt, zahlt 50 Euro für 45 Minuten Kreislauf-Reset. Die Umsätze steigen, während die Fluggesellschaften stilllegen.

Der neue grundsatz: kein quadratmeter ist sicher vor eisen

Der neue grundsatz: kein quadratmeter ist sicher vor eisen

Die Bilanz ist brutaler als jede Diät: Studios, die in ehemalige Bankfilialen oder Kinos ziehen, verbuchen laut Branchendaten 30 Prozent höhere Mitgliedergebühren und dreimal so lange Vertragslaufzeiten. Die emotionale Bindung schlägt die Preisdiskussion. Farm Fitness in der britischen Grafschaft Suffolk beweist, dass sogar Scheunen funktionieren: 336.000 Euro Jahresumsatz bei nur 180 aktiven Mitgliedern – Ticketpreis 112 Euro im Monat. Heuballen statt Hantelständer, Dreck statt Design – und trotzdem Warteliste.

Die Geschäftsidee ist so einfach wie genial: Menschen zahlen nicht für Geräte, sondern für Geschichten. Je abgelegener und verrückter die Location, desto tiefer die Loyalität. Der ehemalige Banktresor in Calgary wird zum Deadlift-Tempel, die Kuppel der Stierkampfarena in Barcelona zum Spinning-Altar. Und die Kirche in Sestao? Dort trainiert man unter Gottes lachendem Gesicht – und lässt das Fitnessstudio in der Konkurrenz ganz allein im Glashaus schwitzen.