Fifa lässt kopf-an-kopf-kracher untersucht wie auf dem schulhof

38. Minute, Lucas Oil Field. Freeman und Okon krachen zusammen – der US-Verteidiger torkelt, kneift die Augen zu, schüttelt sich. 35 Sekunden später darf er weiterspielen; 6 Minuten später jubelt er zum 2:0. Was wie Hollywood klingt, ist für Chris Nowinski ein Lehrbeispiel für medizinisches Chaos. „Das ist Schwinden statt Sorgfalt“, schimpft der Neurowissenschaftler, der schon Tausende Gehirne von verstorbenen NFL-Spielern seziert hat.

Eine auswechslung, kein schutz

Die FIFA erlaubt aktuell nur eine permanente Auswechslung bei Verdacht auf Gehirnerschütterung. Das klingt großzügig, ist aber eine Falle: Der Doktor am Spielfeldrand muss in Sekundenschnelle entscheiden, ob ein möglicher Hirntrauma sein Team auf zehn Mann reduziert – oder ob er das Risiko eingeht. „Die meisten Untersuchungen brauchen Ruhe und Werkzeug, nicht Applaus und Flutlicht“, so Nowinski.

Seine Lösung: vorübergehende Auswechslungen wie in der NFL. Drei bis fünf Minuten in der Kabine, mit Tablet-Tests, Augenverfolgung, Gedächtnisaufgaben. Erst danach entscheidet sich, ob der Spieler zurückkehrt oder dauerhaft raus muss. Die FIFA weist das ab, weil es „die Spielfluss-Dramatik“ stören könnte – ein Argument, das Nowinski als „Show vor Sicherheit“ abtut.

Fakten statt emotionen

Fakten statt emotionen

Die Zahl: Laut einer Studie der Boston University leiden 60 Prozent der untersuchten Profifußballer nach ihrer Karriere an kognitiven Auffälligkeiten, wenn sie mehr als drei dokumentierte Kopfstoß-Verletzungen hatten. Die Lücke: Die FIFA zählt keine genauen Fälle, weil nur „offizielle Diagnosen“ gemeldet werden – und die setzen voraus, dass ein Arzt den Mut hat, den Star vom Feld zu nehmen.

Fans jubelten, Freeman jubelte, Sponsoren strahlten. Doch Nowinski sieht nur das Bild eines Spielers, der vielleicht in zehn Jahren Probleme beim Namen-merken hat wird. „Die WM ist ein Fest, aber kein Freibrief für Hirnverlust“, schließt er. Die FIFA hat Zeit bis zum Viertelfinale, das Protokoll zu ändern. Die Frage ist nur, ob sie den Mut hat – oder ob die nächste Kopfstoß-Gala live im Halbfinale übertragen wird.